{"id":132,"date":"2008-07-09T12:10:00","date_gmt":"2008-07-09T10:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/kanada-waehrend-der-schulzeit\/"},"modified":"2014-07-26T08:51:03","modified_gmt":"2014-07-26T07:51:03","slug":"kanada-waehrend-der-schulzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/2008\/07\/kanada-waehrend-der-schulzeit\/","title":{"rendered":"Kanada &#8211; w\u00e4hrend der Schulzeit"},"content":{"rendered":"<p>Im Januar 2006 hatte  ich mich f\u00fcr den dreimonatigen Austausch mit Qu\u00e9bec, Kanada beworben. Im  Juni kam dann der Anruf des Bayerischen Jugendrings, ich h\u00e4tte einen  Platz bekommen. Dann verdr\u00e4ngte ich die gro\u00dfe Reise, bis dann  schlie\u00dflich Mitte September meine Austauschpartnerin Laurence am  M\u00fcnchner Flughafen ankam. Nach anf\u00e4nglichen Sprachschwierigkeiten (sie  hatte Deutsch nicht als Unterrichtsfach gehabt, lediglich einen 10-  st\u00fcndigen Intensivkurs mitgemacht) kamen wir dann doch ganz gut  miteinander zurecht. Laurence flog Anfang Dezember wieder nach Hause und  auch mein Flug r\u00fcckte unerbittlich n\u00e4her. Sie hatte mir zwar B\u00fccher,  Brosch\u00fcren und Zeitschriften \u00fcber ihre Heimat mitgebracht und mir auch  viel erz\u00e4hlt, aber wirklich viel wusste ich nicht \u00fcber das zweitgr\u00f6\u00dfte  Land der Welt. Eine Woche vor Abflug wollte ich schon gar nicht mehr  weg, die Aussicht auf 3 Monate ohne Familie, Freunde und Deutschland war  schon irgendwie be\u00e4ngstigend.<\/p>\n<p>Im Flugzeug las ich dann ein \u201eGeo- Special\u201c- Heft \u00fcber Kanada.<\/p>\n<p>Trotzdem hatte ich  immer noch Bilder von unber\u00fchrten Nadelw\u00e4ldern, Schnee und Grizzlyb\u00e4ren  im Kopf. Die Fahrt von Montr\u00e9al nach Qu\u00e9bec mit dem Bus zeigte mir aber  schnell, dass davon nicht mehr viel \u00fcbrig war. Durch den grenzenlosen  Reichtum an Natur und nat\u00fcrlichen Ressourcen veranlasst, wucherten  \u00fcberall Bungalowsiedlungen, M\u00fcllkippen und Schrottpl\u00e4tze. Achtspurige  Highways zogen sich durch die Landschaft und der tr\u00fcbe Regentag tat sein  \u00dcbriges, um mir einen ersten, entt\u00e4uschenden Eindruck meiner  \u201eWahlheimat auf Zeit\u201c zu geben.<\/p>\n<p>Meine Gastfamilie holte  mich an der Bushaltestelle ab und wir fuhren nach Hause. Leider stellte  sich Beaumont als winziges Dorf irgendwo auf dem Land heraus, ohne  Bushaltestelle, oder \u00f6ffentlichem Leben, lediglich ein kleiner  heruntergekommener Lebensmittelladen quetschte sich, 50 m von unserem  Haus entfernt, zwischen einen Butangas- Handel und eine Videothek und  bildete damit das Zentrum.<\/p>\n<p>Die drei Monate  verliefen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig ruhig, ich ging jeden Tag 8 Stunden in die  Schule, wir fuhren 45 Minuten hin und 45 Minuten zur\u00fcck, abends schrieb  ich Emails oder las. Nachdem ich an das Brucker Nachtleben gew\u00f6hnt bin,  musste ich mir irgendwann gezwungenerma\u00dfen eine Besch\u00e4ftigung suchen und  entdeckte die wundervolle Natur, hier auf dem Land. Ich fand einen  Zugang zum St. Lorenz- Strom, sah dort einen gro\u00dfen schwarzen Felsen,  beschlagnahmte ihn und machte nun jeden Tag lange Spazierg\u00e4nge hin und  zur\u00fcck, sa\u00df stundenlang am Ufer und beobachtete Frachter,  Containerschiffe und Eisbrecher.<\/p>\n<p>So langweilig manchmal  das Leben dort war, geistig war ich voll ausgelastet. Ich sprach nur  noch Franz\u00f6sisch, kein Wort Deutsch und erst recht kein Englisch, lernte  unglaublich viel \u00fcber Land und Leute und lernte den deutschen Stoff  mit. Nach drei Wochen fanden in der Provinz die Wahlen f\u00fcr den neuen  Ministerpr\u00e4sidenten statt und ich besch\u00e4ftigte mich n\u00e4her mit Politik.  Es machte mich ein bisschen w\u00fctend, dass schon wieder ein Konservativer  gewonnen hatte, unterst\u00fctzt von der Lobby f\u00fcr fossile Brennstoffe. Und,  wie sich raus stellte, hatten die USA ihm den Wahlkampf gesponsert.  Abende lang stritt ich mich mit meiner Familie und deren Freunden, die  mir von der \u201enationalen Angst\u201c vor Amerika erz\u00e4hlten, das auf Kanadas  Ressourcen spekuliert, dem schwachen, wehrlosen Kanada und man k\u00f6nne ja  eh nichts machen. Sie bezeichneten mich als \u201er\u00fcckst\u00e4ndige Europ\u00e4erin\u201c,  die immer noch an den Traum der erneuerbaren Energien glaube  (Nuklearenergie w\u00e4re ja viel sauberer&#8230;) und was w\u00fcssten wir denn schon  in unserem wohlbeh\u00fcteten, alten Europa von wahrer Politik, der Kampf  gegen den internationalen Terror w\u00fcrde halt seine Opfer fordern und  \u00fcberhaupt h\u00e4tten wir uns ja auch nie behaupten m\u00fcssen&#8230;<\/p>\n<p>Hin und wieder hat auch  die ganze Familie etwas unternommen. So sind wir fast jedes Wochenende  Skifahren gegangen in der Gegend um Qu\u00e9bec oder auch mal weiter weg in  einem der gr\u00f6\u00dferen Skigebiete. Auch Langlaufen konnte man dort gut, die  Loipe fing direkt hinter dem Haus an und f\u00fchrte dutzende Kilometer weit  durch die angrenzenden W\u00e4lder. Au\u00dferdem war das ganze Land durch  Schneemobil- Pisten erschlossen, die spezielle Beschilderungen hatten,  aber sonst wie ganz normale Strassen genutzt wurden. Mit dem Schneemobil  der Familie haben wir \u00f6fters mal einen Tagesausflug durch die Natur  gemacht.<\/p>\n<p>Pauline, eine Freundin  von mir war zur selben Zeit f\u00fcr ein ganzes Jahr in Montreal. W\u00e4hrend den  Carnaval- Ferien stieg ich in den \u00dcberlandbus und besuchte sie spontan  bei ihren Gasteltern. Nach 6-st\u00fcndiger Fahrt sahen wir uns das erste Mal  nach 6 Monaten wieder. Die Begr\u00fc\u00dfung war entsprechend st\u00fcrmisch. Vier  Tage lang zogen wir durch Montreal, besichtigten viele  Sehensw\u00fcrdigkeiten und ich brachte Pauline auf den neuesten Stand \u00fcber  die Ereignisse in Deutschland. Wenn man so lange von Zuhause weg ist,  dann bricht man gezwungenerma\u00dfen den intensiven Kontakt mit der Heimat  ab, und dann erf\u00e4hrt man halt auch nicht so viel&#8230;<\/p>\n<p>An Ostern telefonierte  ich mit meinen Eltern, die mir erz\u00e4hlten, dass es in Deutschland \u00fcber  drei\u00dfig Grad warm w\u00e4re und sie schwitzend auf der Terrasse sitzen  w\u00fcrden. Ich fand es nicht so toll, da wir Ostern bei den Gro\u00dfeltern  meiner Gastschwester verbrachten und es dort in einer Nacht eineinhalb  Meter Neuschnee gegeben hatte. Ihr Haus lag einige hundert Kilometer  n\u00f6rdlicher als Qu\u00e9bec und dort hatte es an Ostern auch noch gut minus  drei\u00dfig Grad!<\/p>\n<p>Gegen Ende meines  Aufenthaltes hatte ich auch noch die M\u00f6glichkeit in die USA zu reisen da  Laurences Vater dort einen Auftrag erledigen musste. Also buchten wir 4  N\u00e4chte im Bostoner Hyatt- Hotel und fuhren mit der doppelt bereiften  \u201eheavy- duty\u201c &#8211; Dodge RAM 12 Stunden \u00fcber den Higehway quer durch Maine.  Wir brauchten unglaublich viel Sprit und dieses Auto ist dazu noch  furchtbar unbequem, aber es war wirklich ein Erlbenis der besonderen  Art. Wir konnten nat\u00fcrlich nicht vorhersehen, dass die Bostoner  Innenstadt viel zu enge Strassen f\u00fcr so ein Riesenauto hat&#8230; :-)<\/p>\n<p>Vorallem im M\u00e4rz war  das Wetter schlecht, es hatte insgesamt sechs Wochen lang -35\u00b0C und  Schneest\u00fcrme, die Schule viel st\u00e4ndig aus und genauso der Strom. Ende  April war es dann richtig warm mit ungef\u00e4r 0\u00b0C und man konnte sogar  schon im T- Shirt nach draussen gehen. Nach 2 Monaten polarer K\u00e4lte kam  einem dieses Wetter schon fast sommerlich vor.<\/p>\n<p>Irgendwann sprach ich  meine Gastmutter auch auf heiklere Themen an. Warum man so wenig auf die  Natur achtet (\u201eWir haben doch genug davon!\u201c), warum die Familie sieben  Autos, zwei Schneemobile, zwei Motorr\u00e4der und ein riesiges Hausboot  besitzt, wenn das Benzin jetzt so teuer wird ( im Moment ungerechnet ca.  0,75 \u20ac pro Liter Normalbenzin, vorher ca. 0,50 \u20ac) und sie ja eigentlich  nur zu f\u00fcnft sind (\u201eWir k\u00f6nnen es uns halt leisten&#8230;\u201c) und so weiter.<\/p>\n<p>Alles in allem hatten  eigentlich alle immer dieselbe Meinung, n\u00e4mlich, dass alles ganz normal  sei und die Europ\u00e4er viel zu pingelig. Ich war entsetzt \u00fcber die  allgemeine Ignoranz der Menschen, dar\u00fcber, wie Regierung und Fernsehen  der Bev\u00f6lkerung Bildung vorenthielten, einzig und allein, um freie Bahn  zu haben, keine Fragen beantworten zu m\u00fcssen und weiter von der kr\u00e4ftig  zahlenden Petrochemie profitieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber auch wenn ich mit  vielen Kanadiern oft verschiedener Meinung war, habe ich dieses Volk als  sehr freundlich und offen erlebt. Bei Feiern, Familienfesten und Partys  wurde ich wie selbstverst\u00e4ndlich in die Gemeinschaft aufgenommen und  trotz gelegentlicher Verst\u00e4ndigungsprobleme kamen wir gut miteinander  aus.<\/p>\n<p>Kanada ist, finde ich,  ein sehr sch\u00f6nes Land und ich kann nur allen raten: Nutzt die Schulzeit  f\u00fcr einen gro\u00dfen Austausch wie diesen oder ein Auslandsjahr, ihr werdet  nie wieder so eine g\u00fcnstige Gelegenheit bekommen und ihr werdet  unglaublich viel davon profitieren.<\/p>\n<p>Carla Singer, 11c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Januar 2006 hatte ich mich f\u00fcr den dreimonatigen Austausch mit Qu\u00e9bec, Kanada beworben. Im Juni kam dann der Anruf des Bayerischen Jugendrings, ich h\u00e4tte einen Platz bekommen. Dann verdr\u00e4ngte ich die gro\u00dfe Reise, bis dann schlie\u00dflich Mitte September meine Austauschpartnerin Laurence am M\u00fcnchner Flughafen ankam. Nach anf\u00e4nglichen Sprachschwierigkeiten (sie hatte Deutsch nicht als Unterrichtsfach [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[54,152],"tags":[162],"class_list":["post-132","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-grg-international","category-2007-2008","tag-auslandsberichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/132","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=132"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/132\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5135,"href":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/132\/revisions\/5135"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=132"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=132"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=132"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}