{"id":182,"date":"2000-08-09T10:07:00","date_gmt":"2000-08-09T09:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/abiturrede-2000\/"},"modified":"2014-07-26T08:45:44","modified_gmt":"2014-07-26T07:45:44","slug":"abiturrede-2000","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/2000\/08\/abiturrede-2000\/","title":{"rendered":"Abiturrede 2000"},"content":{"rendered":"<p>Guten Abend &#8211; wir haben Abitur.<\/p>\n<p>Dazu haben wir 13 Jahre unseres Lebens gebraucht. 13 Jahre, in denen wir mehr oder weniger flei\u00dfig, intensiv, motiviert und interessiert meistens (fast immer!!!) unsere gesamten geistigen Kr\u00e4fte f\u00fcr unser schulisches Weiterkommen verwendet haben. 13 Jahre, in denen das Graf-Rasso-Gymnasium zu unserem zweiten Zuhause wurde, 13 Jahre, in denen sich die Anzahl unserer Mitstreiter kontinuierlich dezimierte. 13 Jahre, in denen sich die Kommunikation zwischen Lehrern und Sch\u00fclern mal zum Schlechten mal zum Rechten entwickelte.<br \/> Doch was soll&#8217;s?<br \/> Der Lohn daf\u00fcr ist der Schl\u00fcssel zu den Toren der Welt, das Visum f\u00fcr unsere glorreiche Zukunft, unsere akademische Green Card.<br \/> Heute Abend erhalten wir die Mappe aus Pappe, die die Welt bedeutet.<br \/> Doch was bedeutet sie wirklich?<\/p>\n<p>Sind wir tats\u00e4chlich auf unsere Zukunft vorbereitet?<br \/> Wir k\u00f6nnen  lateinische Gedichte skandieren, wissen mit komplexen Zahlen umzugehen,  hermetische Gedichte zu entschl\u00fcsseln, haben den eindimensionalen  Potentialtopf kennengelernt, beherrschen das gesamte Regelwerk von  mindestens vier Sportarten und sind in der Lage, die Strukturformeln  jedes am Calvin-Zyklus beteiligten Stoffes zu zeichnen.<br \/> Sie sehen, wir sind im Allgemeinen gebildet, aber haben wir auch Allgemeinbildung?<br \/> F\u00fcr uns bedeutet dieser Begriff mehr als das im Gymnasium Erlernte.<br \/> Er umfasst zum Beispiel selbst\u00e4ndiges Denken, eigene Ideen zu  entwickeln, zu individuellen Ergebnissen zu kommen und diese zielstrebig  umzusetzen. Auch Flexibilit\u00e4t wird im Berufsleben immer wichtiger. Von  uns wird erwartet, Konfliktsituationen zu bew\u00e4ltigen und Teamf\u00e4higkeit  zu zeigen.<br \/> In der Schulzeit lernt man fr\u00fch, das eigene Wohl in den  Vordergrund zu stellen. Jeder ist sich selbst der N\u00e4chste. Beim Streben  nach guten Zensuren bleibt die Solidarit\u00e4t schnell auf der Strecke. Das  Ziel ist der Weg, und der Weg ist man selbst.<br \/> Zu oft werden  Ungerechtigkeiten von den Sch\u00fclern zwar bemerkt aber dennoch \u00fcbergangen.  Der Grund daf\u00fcr ist h\u00e4ufig die Angst des Einzelnen, in der Gunst des  Lehrers zu sinken oder auch nur die pure Ignoranz und Faulheit. Dies  gilt ebenso f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis der Sch\u00fcler untereinander, welches oft  alles andere als kollegial ist. Individualit\u00e4t wird nicht gern gesehen  und kann nur mit einem gro\u00dfen Ma\u00df an Selbstbewusstsein ausgelebt werden.<\/p>\n<p>Unserer  Meinung nach k\u00f6nnte der Egoismus durch schulisch gef\u00f6rderte  Gruppenarbeit und gemeinsame Projekte gemindert werden. Dass daf\u00fcr die  Sch\u00fcler ebenso Bereitschaft zeigen m\u00fcssen, steht au\u00dfer Frage. Auch wird  im Unterricht zu wenig diskutiert. Die Streitf\u00e4higkeit als notwendiges  Mittel im sozialen Umgang wird durch den Frontalunterricht leider zu  wenig ber\u00fccksichtigt. Dabei ist gerade diese Eigenschaft im Berufsleben  elementar.<br \/> Ebenso wichtig ist praktische Erfahrung, welche gerade am  Gymnasium vernachl\u00e4ssigt wird. Die Aus\u00fcbung eines mehrt\u00e4gigen  Praktikums beruht allzu oft auf Eigeninitiative und wird von der Schule  zu wenig unterst\u00fctzt. Statt dessen wird dies Sch\u00fclern mit einem Hinweis  auf den ohnehin \u00fcberf\u00fcllten Lehrplan nur unter Vorbehalt genehmigt bzw.  ganz verweigert.<br \/> Auch der Umgang mit neuen Medien kommt zu kurz. In  der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist der Computer zu einem  st\u00e4ndigen Begleiter geworden, mit dem auch wir in unserer Schulzeit  stolze zwei Stunden konfrontiert wurden.<br \/> Gl\u00fccklicherweise wurde  dieses Problem bereits erkannt mit der Konsequenz, Informatik in  absehbarer Zeit mehr in den Lehrplan zu integrieren. (Dieser Ansatz  sollte auch auf die \u00fcbrigen neuen Medien ausgeweitet werden.) Doch f\u00fcr  jede Ver\u00e4nderung reicht die alleinige Initiative des Kultusministeriums  nicht aus; um eine Reform effektiv zu realisieren, mu\u00df ebenso viel von  Seiten der Lehrer und Sch\u00fcler beigetragen werden.<\/p>\n<p>Zu all den  eben genannten Kritikpunkten noch ein paar Worte in eigener Sache: Wir,  die 13. Klasse des Graf-Rasso-Gymnasiums sind immer mit vorbildlichem  Beispiel vorangegangen. Tagt\u00e4glich zeigten wir mit jeder Faser unseres  K\u00f6rpers vollen Einsatz, haben die Lehrer stets zu innovativen Projekten  angehalten, waren f\u00fcr alle Neuerungen offen und haben auch au\u00dferhalb des  Unterrichts unser schulisches Engagement nie aufgegeben. Die Lehrer  konnten sich vor intellektuellen Sch\u00fclerbeitr\u00e4gen kaum retten, wurden  mit interessierten Fragen bombadiert und unser enthusiastischer  Wissensdrang konnte selbst durch den Schulgong nicht einged\u00e4mmt werden.  Irgendwelche Zweifel??? Die haben wir auch.<br \/> Wir sind uns bei aller  Kritik am Schulsystem durchaus dar\u00fcber im Klaren, dass die Motivation  und das Engagement der Sch\u00fcler zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lassen. Die Schule  wurde von uns zu oft nur als Belastung empfunden und nicht  beispielsweise als M\u00f6glichkeit zur Interessensfindung gesehen.<\/p>\n<p>Doch das haben wir alles hinter uns.<br \/> Blicken wir in die Zukunft.<br \/> Arbeitslosigkeit und Aufstiegschancen sind Schlagworte, mit denen wir  fast t\u00e4glich konfrontiert werden. Man h\u00f6rt regelm\u00e4\u00dfig von der  Unsicherheit des Arbeitsplatzes, h\u00f6heren Anforderungen im Bereich  Flexibilit\u00e4t und Belastbarkeit, von Globalisierung und Rationalisierung.<br \/> Doch was sollen diese Begriffe f\u00fcr uns bedeuten? Wir haben unsere  Schulzeit gerade beendet und stehen nun vor der schwierigen  Entscheidung, welchen Weg wir einschlagen sollen. Die Tatsache, dass uns  so gut wie alle T\u00fcren offenstehen, bedeutet gleichzeitig auch die Qual  der Wahl. Es stellt sich die Frage, welche Faktoren f\u00fcr unsere  Berufsfindung wirklich wichtig sind: Soll der Arbeitsmarkt \u00fcber unsere  Zukunft entscheiden, oder doch lieber unsere individuellen Interessen?  Inwieweit sind Arbeitsmarkt und Interesse \u00fcberhaupt miteinander  vereinbar? Bedeutet beispielsweise Talent und Begeisterung f\u00fcr das  Schulfach Deutsch auch Freude am Beruf des Germanisten?<\/p>\n<p>Trotzdem lassen wir uns davon nicht beeindrucken. Wir nehmen unsere Zukunft selbst in die Hand, wir werden unseren Weg gehen.<br \/> Wir kriegen das hin.<br \/> Schlie\u00dflich sind wir ja der Abi-Jahrgang 2000!!!!<\/p>\n<p>Birgit Frank, Florian Fink<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guten Abend &#8211; wir haben Abitur. 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