{"id":749,"date":"2007-02-07T18:35:00","date_gmt":"2007-02-07T16:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/fauxpas-zu-fotheringhay\/"},"modified":"2014-07-26T15:58:24","modified_gmt":"2014-07-26T14:58:24","slug":"fauxpas-zu-fotheringhay","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/2007\/02\/fauxpas-zu-fotheringhay\/","title":{"rendered":"Fauxpas zu Fotheringhay"},"content":{"rendered":"<p>Friedrich Schiller geh\u00f6rt zu den bedeutungsvollsten Schriftstellern der deutschen Geschichte. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass die Messlatte f\u00fcr Inszenierungen seiner St\u00fccke sehr hoch liegt. Dies war dem Regisseur seines Werkes \u201eMaria Stuart&#8220; sicher auch bewusst, als er an den Dreharbeiten f\u00fcr die neu entstandene Fernsehproduktion war. Als neutraler Zuschauer fragt man sich dann doch sehr, was er sich dabei gedacht hat, das Werk so zu ver\u00e4ndern, dass der Charakter der meisten Hauptpersonen fast in allen F\u00e4llen stark von der Vorlage abweicht. Ein gutes Beispiel hierf\u00fcr ist Paulet, der H\u00fcter der Maria. Im St\u00fcck wird er als Vertreter des Rechts dargestellt, ohne \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen zu erliegen. In der Inszenierung ist dies aber nur im Ansatz zu erkennen. Viel st\u00e4rker ist seine Arroganz, mit der er auf Maria schaut. Seine Rolle wird so sehr unglaubw\u00fcrdig, auch wenn sie sehr gut gespielt ist.<\/p>\n<p>Gute Arbeit haben hingegen die B\u00fchnenbildner und die Kost\u00fcmabteilung geleistet. Die Kleidung wirkt durchgehend authentisch, der Kontrast zwischen Maria, die komplett in schwarz geh\u00fcllt ist, und Elisabeth, die gern in prunkvollen, goldenen Gew\u00e4ndern auftritt, tritt deutlich zu Tage. Parallel hierzu sind die beiden Schl\u00f6sser, Westminster und Fotheringhay, angelegt. Fotheringhay, ein kleines Schloss mitten in England und der ehemalige Stammsitz des Hauses York, welches im 15. Jahrhundert im sogenannten Rosenkrieg um die englische Krone stritt, ist sehr dunkel und eng angelegt. Sieht es auch nicht aus wie ein Kerker, so ist doch zu erkennen, dass es ein recht ungem\u00fctliches Gef\u00e4ngnis f\u00fcr eine K\u00f6nigin ist. Im Gegensatz dazu steht Westminster, der Sitz von Queen Elizabeth I., ausladend und hell.<\/p>\n<p><em>MARIA. Spreng endlich deine Bande, tritt hervor aus deiner H\u00f6hle, langverhaltner Groll &#8211; und du, der dem gereizten Basilisk den Mordblick gab, leg auf die Zunge mir den giftgen Pfeil &#8211;&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>SHREWSBURY. O sie ist au\u00dfer sich! Verzeih der Rasenden, der schwer Gereizten! &nbsp;<\/em><\/p>\n<p>(Friedrich Schiller: Maria Stuart; III,4 V. 2439ff.) &nbsp;<\/p>\n<p>Als es im Garten von Fotheringhay zum H\u00f6hepunkt des Geschehens, der Begegnung der beiden K\u00f6niginnen kommt, haben sich die Regisseure einen besonders gro\u00dfen Fehler erlaubt. Schiller wollte die Sympathien der Leser auf Maria lenken. Als Maria aber pl\u00f6tzlich auf Elisabeth einst\u00fcrmt und es fast zu Handgreiflichkeiten kommt, fragt man sich dann doch, ob nicht vielleicht die K\u00f6nigin von England im Recht ist. Die Begegnung endet somit unentschieden. Mit diesen Hintergedanken ist dann auch der Rest nicht mehr schl\u00fcssig, das Ende hinterl\u00e4sst einen relativ ratlosen Zuschauer. Nicht zu schelten ist hingegen die schauspielerische Leistung von Elisabeth und Maria. Gerade Maria f\u00fcllt ihre Rolle voll aus und wirkt sehr glaubw\u00fcrdig in ihrem Handeln. Dies kann man auch f\u00fcr Elisabeth sagen, der man anmerkt, dass sie die Puppe ihrer Ratgeber, Leicester und Burleigh, ist.<\/p>\n<p>Eine vollkommene Entt\u00e4uschung ist hingegen die Figur des Mortimers, die weder gut inszeniert, noch gut gespielt ist. Seine fanatische Hysterie, gepaart mit einem absolut nicht \u00fcberzeugenden Auftreten, passen nicht zu dem jungen Intriganten. Auch bleibt seine Wandlung zur tugendhaften Person durch seinen Freitod nur zu erahnen. Er stirbt hier nicht frei, sondern bleibt in seinen fanatischen Zw\u00e4ngen gefangen. Ebenfalls intrigant, aber keineswegs schlecht, wird die Rolle von Leicester ausgef\u00fcllt. Ihm ist seine Feigheit und Skrupellosigkeit deutlich anzumerken, genauso wie seinem Gegenspieler, dem Baron von Burleigh. Geschickt taktierend geling es beiden, ihre Ziele zu erreichen, ohne R\u00fccksicht auf andere zu nehmen. Wie von Schiller auch erdacht,&nbsp; l\u00e4uft die Sympathielenkung der Zuschauer in die entgegensetzteRichtung, so dass am Schluss allen klar ist, dass diese beiden alles andere als tugendhaft gehandelt haben.<\/p>\n<p>Ob man sich die Fernsehausstrahlung nun anschaut oder nicht, bleibt jedem selbst \u00fcberlassen, doch wird es nicht viel mehr als eine leichte Samstagabendunterhaltung sein, daf\u00fcr ist das St\u00fcck viel zu sehr gek\u00fcrzt, zum Teil auch an wichtigen Stellen. Auch wenn es eine Freude ist, die schauspielerische Leistung von Maria und Elisabeth zu genie\u00dfen, bleibt doch das Original von Schiller die bessere Wahl.<\/p>\n<p>Patrick Urban<\/p>\n<p>(P. Urban beobachtet f\u00fcr die Homepage des GRG das literarische Medienangebot im Grundkurs Deutsch; S. Orth) Redaktion: D. Zink &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrich Schiller geh\u00f6rt zu den bedeutungsvollsten Schriftstellern der deutschen Geschichte. 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