{"id":807,"date":"2004-12-09T09:14:44","date_gmt":"2004-12-09T07:14:44","guid":{"rendered":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/die-tuerhueterparabel-geschichten-vom-scheitern\/"},"modified":"2014-07-26T15:58:24","modified_gmt":"2014-07-26T14:58:24","slug":"die-tuerhueterparabel-geschichten-vom-scheitern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/home.graf-rasso-gymnasium.de\/home\/2004\/12\/die-tuerhueterparabel-geschichten-vom-scheitern\/","title":{"rendered":"Die T\u00fcrh\u00fcterparabel &#8211; Geschichten vom Scheitern"},"content":{"rendered":"<h3>Die Sachseite der Kafka-Parabel &#8222;Vor dem Gesetz&#8220;<\/h3>\n<p>F\u00fcr Kafka-Leser ist die moderne Parabel \u201eVor dem Gesetz\u201c, die auch als T\u00fcrh\u00fcter-Parabel bezeichnet wird, gewisserma\u00dfen der Bauplan vieler Texte des Autors. Auf viele Leser wirkt der Text zun\u00e4chst trotz seiner sprachlichen Einfachheit unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Ein Grund daf\u00fcr ist, dass modernen Parabeln h\u00e4ufig die Sachseite fehlt, die einen konkreten Wirklichkeitsbezug des Lesers erm\u00f6glicht. Damit unterscheiden Sie sich von parabolischen Texten fr\u00fcherer Epochen, zum Beispiel von der Ringparabel in Lessings Drama \u201eNathan der Weise\u201c.<\/p>\n<p>Der hier stark geraffte Inhalt des ohnehin sehr kurzen Originaltexts kann nur einen unvollst\u00e4ndigen Eindruck vermitteln, denn bei Kafkas Text kommt es auf beinahe jedes Wort an:<\/p>\n<p>Ein Mann vom Land kommt zu einem T\u00fcrh\u00fcter, der vor dem Eingang zum Gesetz steht und verlangt Eintritt. Der T\u00fcrh\u00fcter verweigert den sofortigen Zugang zu dem Gesetz. Er erkl\u00e4rt, dass hinter dem Tor weitere Tore und T\u00fcrh\u00fcter st\u00fcnden, die m\u00e4chtiger seien als er.<\/p>\n<p>Eingesch\u00fcchtert verbringt der Mann sein Leben mit Warten auf den Zugang, doch auch Bestechungsversuche verschaffen ihm die Erlaubnis nicht. Erst am Ende seines Lebens fragt er den T\u00fcrh\u00fcter, warum denn au\u00dfer ihm selbst nie jemand anderes Einlass verlangt hat. Der T\u00fcrh\u00fcter br\u00fcllt dem Mann ins Ohr, dass der Eingang nur f\u00fcr ihn bestimmt gewesen sei und dass dieser nun geschlossen werde.<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcler der Klasse 11b (Schuljahr 2004\/05) haben versucht, Kafkas Text mit selbst vorgestellten Sachseiten in eigenen Geschichten zu erg\u00e4nzen. Einige der Ergebnisse sind hier nachzulesen.<\/p>\n<h3>Geschichten vom Scheitern<\/h3>\n<h4>Anonym: Die einzig wahre Liebe<\/h4>\n<p>Jonas, ein ganz normaler Mann, hatte in seiner Jugend nicht viele Freundinnen. Die Beziehungen, die er damals hatte, hielten meistens auch nicht l\u00e4nger als zwei Wochen. Dies lag aber nicht an seinem Aussehen oder an seinem Verhalten, sondern daran, dass er an das \u00e4u\u00dfere Aussehen der Frau zu hohe Anspr\u00fcche stellte. W\u00e4hrend die Jahre vergingen, wurde es f\u00fcr den noch jungen Mann immer schwieriger eine Frau f\u00fcr das Leben zu finden, da sich seine Kriterien immer erweiterten. So blieb Jonas f\u00fcr lange Zeit allein.<\/p>\n<p>Kurze Zeit nach seinem 56. Geburtstag erhielt er eine Einladung zur Hochzeit seiner neuen Nachbarin Ingrid. Jonas war sehr verwundert, da er damals in seiner Schulzeit mit Ingrid in einer Klasse gewesen war und er sie meistens nur geh\u00e4nselt oder ausgelacht hatte. Im Allgemeinen hatte er sie jedoch ignoriert. Auch als sie sp\u00e4ter gemeinsam studierten, versuchte er so wenig wie m\u00f6glich mit ihr zu reden. Nachdem Ingrid in Jonas\u2019 Nachbarschaft gezogen war, baute er den Kontakt wieder auf und bekannte sich zu seinen fr\u00fcheren Fehlern.<\/p>\n<p>Als er einen Tag vor der Hochzeit Ingrid in dem wei\u00dfen Kleid sah und bemerkte, wie sch\u00f6n sie darin war, verlie\u00df er ganz schnell wieder den Raum und setzte sich zuhause in seinen Sessel. Er dachte nun an fr\u00fcher, wie er Ingrid wegen ihres Aussehens immer aufgezogen hatte. Dann dachte er wieder an die Gegenwart und wie gut er sich pl\u00f6tzlich mit ihr verstand. Nun merkte er, dass Ingrid die perfekte Frau f\u00fcr ihn w\u00e4re, doch sie heiratete einen anderen Mann.<\/p>\n<p>Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass es bei einer Frau nicht nur auf das Aussehen ankommt, sondern vielmehr auf die inneren Werte, und dass die Liebe oftmals n\u00e4her ist, als man denkt.<\/p>\n<h4>Kathi Schmid: Die T\u00fcrkei vor verschlossenen T\u00fcren<\/h4>\n<p>In Europa haben sich einige Staaten zu einem B\u00fcndnis zusammengeschlossen, genannt die EU. Eine grundlegende Aufgabe dieses B\u00fcndnisses ist beispielsweise die Vereinfachung des innereurop\u00e4ischen Handels, welche man mit einheitlicher W\u00e4hrung, leichterem Auslands\u00fcberweisungsverkehr etc. bewerkstelligen m\u00f6chte. Nun ist es verst\u00e4ndlich, dass auch L\u00e4nder, die noch nicht Mitglieder dieses B\u00fcndnisses sind, gerne diesem beitreten m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Eines dieser L\u00e4nder ist die T\u00fcrkei. Sie konnte und kann allerdings die Beitrittsbedingungen nicht erf\u00fcllen und wird deshalb von Zeit zu Zeit von europ\u00e4ischen Gutachtern der Europ\u00e4ischen Union beurteilt. Ein gro\u00dfes Hindernis f\u00fcr den EU-Beitritt der T\u00fcrkei ist die mangelnde Durchsetzung der Menschenrechte im Land. So sind dort die Todestrafe, Folter bei Verh\u00f6ren und \u00e4hnliches noch rechtskr\u00e4ftig bzw. m\u00f6glich. Dies ist nur einer der Gr\u00fcnde, weshalb man die T\u00fcrkei immer wieder von Gutachten zu Gutachten vertr\u00f6sten muss. St\u00e4ndig tauchen neue Stolpersteine auf der staubigen Stra\u00dfe des vorwiegend muslimisch gepr\u00e4gten Staates zur EU auf, z.B. auch die Gleichberechtigung der in der T\u00fcrkei lebenden Frauen.<\/p>\n<p>Da die T\u00fcrkei nicht immer nur neidisch auf die europ\u00e4ische Wirtschaft blicken m\u00f6chte, versucht man also jetzt, den EU-Beitritt zu erwirken. Die Regierung in Ankara versucht daher eine Br\u00fccke zur EU zu bauen. So sprachen Bundeskanzler Schr\u00f6der und der t\u00fcrkische Regierungschef Erdogan bei ihrem letzten Treffen dar\u00fcber, tiefere Handelsbeziehungen zwischen der T\u00fcrkei und Deutschland zu schaffen. Geht die T\u00fcrkei so auf Stimmenfang f\u00fcr ihren Beitritt?<\/p>\n<p>(&#8230;) Eine M\u00f6glichkeit des Beitritts der T\u00fcrkei w\u00e4re im Rahmen der Ost-Erweiterung 2004 gewesen, welche aber wegen der Nichterf\u00fcllung der Beitrittsbedingungen nicht wahrgenommen werden konnte, obwohl man sich jahrelang darum bem\u00fcht hatte. F\u00fcr einen kurzen Moment zweifelte Ankara sogar am Vorhaben. Man muss sich dort die Frage gestellt haben, warum keiner au\u00dfer den T\u00fcrken derart lautstark den Eingang zur EU aufzusuchen scheint bzw. warum das Begehren anderer Staaten zum EU-Beitritt nicht zu vernehmen ist.<\/p>\n<p>Die Antwort ist wohl, dass der T\u00fcrkei nur ein einziger, ganz individueller Eingang in die EU offensteht, ein Eingang, den nur sie erreichen und durchschreiten kann, wenn sie alle Steine, das hei\u00dft alle M\u00e4ngel, beiseite ger\u00e4umt hat, so dass man die Stra\u00dfe zu diesem Eingang ungehindert passieren kann.<\/p>\n<p>Dieser Eingang wird allerdings geschlossen werden, sobald die T\u00fcrkei der Bem\u00fchungen m\u00fcde ist, einen EU-Beitritt zu erwirken, oder falls die Gutachter einmal feststellen sollten, dass der Beitritt der T\u00fcrkei aufgrund bestimmter Kriterien niemals mit den Grundgedanken der EU vereinbar sein wird.<\/p>\n<h4>Mario Regler: Reklamation<\/h4>\n<p>Ein Mann hat sich in einem Elektro-Gesch\u00e4ft einen DVD-Player gekauft. Nachdem er ihn ausprobiert und festgestellt hat, dass dieser einen Defekt hat, f\u00e4hrt er zur\u00fcck in das Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Er geht in den Service-Bereich des Ladens und stellt sich an den Schalter mit dem Schild \u201eService\u201c am Ende einer sehr langen Schlange an. Die Schlange scheint in der folgenden Zeitspanne kaum k\u00fcrzer zu werden und bis er schlie\u00dflich an der Reihe ist, ist es etwa drei Minuten vor Ladenschluss. Gl\u00fccklich stellt der Mann das Ger\u00e4t auf die Theke und schildert dem Angestellten das Problem. Nachdem der Angestellte ihm zugeh\u00f6rt hat, entgegnet er dem Mann, er m\u00fcsse zum Reklamationsschalter \u201eeins weiter\u201c.<\/p>\n<p>Der Mann \u00e4rgert sich furchtbar, als er grummelnd den Schalter wechselt und feststellt, dass dieser soeben geschlossen hat. Er h\u00f6rt, wie sich die zwei Angestellten unterhalten und der f\u00fcr den Reklamationsschalter zust\u00e4ndige sagt, heute habe er keinen einzigen Kunden bedient.<\/p>\n<h4>Joseph Hainzinger: Kommunikationsproblem<\/h4>\n<p>Lukas, der kleine Junge der Meyers, sah in dem Kaufhaus, in dem er mit seiner Mutter war, um Geburtstagsgeschenke zu kaufen, die neue Playmobil-Ritterburg, aber er traute sich nicht zu fragen, ob er sie zum Geburtstag haben k\u00f6nne, weil sie recht teuer war.<\/p>\n<p>Als sie auf dem R\u00fcckweg waren, mit dem Geburtstagsgeschenk, einem Lego Technic Racing Car, auf das er sich nicht so recht freute, da er lieber die Playmobilburg gewollt h\u00e4tte, fragte er seine Mutter, wie sie die Burg gefunden h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Darauf antwortete sie, dass sie auch schon daran gedacht h\u00e4tte, sie zu kaufen, aber sie h\u00e4tte gemeint, er wolle lieber das Lego-Auto. Er h\u00e4tte nur etwas sagen sollen.<\/p>\n<h4>Alexander Westermayer: R\u00fcckspiel<\/h4>\n<p>Ein Sch\u00fcler am Gymnasium bekam einmal eine sehr komplizierte Hausaufgabe auf, denn er sollte die Sachseite zu dem Text \u201eVor dem Gesetz\u201c von Franz Kafka schreiben. Leider hatte er damit ein Problem: Um die Sachseite zu schreiben, musste er erst einmal den Text verstehen. Also \u00fcberlegte er und es dauerte auch nicht lang, bis er glaubte, den Sinn verstanden zu haben. Nun brauchte er noch eine gute Idee, um was genau es in seinem Aufsatz gehen sollte.<\/p>\n<p>Er \u00fcberlegte den ganzen Nachmittag, doch fiel ihm nichts ein. Einen Ansatz formulierte er schon, doch diesen verwarf er bald wieder, da er merkte, dass dieser nicht sonderlich gut war. Am n\u00e4chsten Tag in der Schule wurde der Text wieder besprochen und er unterhielt sich auch mit Freunden in der Pause, wie man am besten so eine Sachseite schreibt. Doch auch das half ihm nicht wirklich weiter.<\/p>\n<p>Am Nachmittag dieses Tages hockte er sich wieder an seinen Schreibtisch und dachte nach. Doch ihm fiel wieder nichts ein und so beschloss er, ohne Hausaufgaben im Unterricht zu erscheinen, und hoffte, dass alles irgendwie gut gehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Leider war dem nicht so, und er wurde aufgerufen. Da er keine Hausaufgaben hatte, bekam er einen Strich und ihm wurde gesagt, er h\u00e4tte doch einfach dar\u00fcber schreiben k\u00f6nnen, dass ihm nichts eingefallen ist.<\/p>\n<h4>Elisabeth Sch\u00e4fer: Vor dem Gesetz \u2013 die Juristen behalten das Recht!<\/h4>\n<p>Ein Bauer geht zu seinem Anwalt, um ein Gerichtsverfahren anzustrengen, denn der Grenzstein zu seinem Nachbarn liegt zu weit in seinem eigenen Feld und er m\u00f6chte dieses Problem beheben, doch sein Nachbar weigert sich, die Versetzung des Steins anzuerkennen.<\/p>\n<p>Der Jurist h\u00f6rt sich die Sachlage an und fragt den Bauern, ob er seinen Nachbarn schriftlich eine Frist bis zur Versetzung mitgeteilt habe. Dies bejaht der Bauer und meint, dass sein Nachbar nicht darauf reagiert habe, ob man ihn nicht mit Hilfe eines Gerichtsbeschlusses zwingen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Der Anwalt sagt: \u201eAls Einzelner k\u00f6nnen Sie es schon versuchen, aber Sie werden den Fall jetzt nicht so gewinnen. Aber wenn ich Sie bei Gericht vertreten w\u00fcrde, mich vorher mit der Sachlage genau befasst habe und Informationsmaterial zusammengetragen habe, dann haben Sie eine reelle Chance auf einen positiven Gerichtsentscheid.\u201c Damit ist der Bauer einverstanden und geht nach Hause.<\/p>\n<p>Nach ein paar Monaten, in denen er nichts von seinem Anwalt geh\u00f6rt hatte, ging er abermals hin, doch der Jurist verwies in darauf, dass er noch nicht so weit sei und noch mehr Zeit br\u00e4uchte. Der Bauer sah das ein, gab dem Anwalt jedoch einen Vorschuss in der Hoffnung, dass es nun schneller gehen w\u00fcrde. So ging das viele Jahre, in denen der Bauer regelm\u00e4\u00dfig bei dem Juristen vorsprach.<\/p>\n<p>Nach vielen Jahren wurde der Bauer schwer krank und als er einsah, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, bat er den Anwalt um ein letztes Gespr\u00e4ch. Er fragte ihn, warum es in seinem Fall nie vorw\u00e4rts gegangen und warum er nie vor Gericht verhandelt worden sei. Der Anwalt erwiderte, dass er diesen Fall nie ernsthaft bearbeitet h\u00e4tte, denn er h\u00e4tte Wichtigeres zu tun gehabt, weswegen er diesen sinnlosen Prozess, den der Bauer sowieso verloren h\u00e4tte, immer wieder verschoben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Ein paar Tage danach starb der alte Bauer, jedoch war er bis zum Schluss sicher, dass er im Recht war. Nur war es zu umst\u00e4ndlich gewesen, dieses Recht zu bekommen. Deswegen hatte sich ja auch nie jemand damit besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<h4>Lina Brach: Vergebliche Suche<\/h4>\n<p>Ein fast erwachsener Junge, der adoptiert worden war, machte sich auf die Suche nach seinen leiblichen Eltern. Er fragt seine Adoptiveltern einige Male nach ihnen, diese k\u00f6nnen beziehungsweise wollen ihm nicht helfen: Es kommt zu einem heftigen Streit und der Junge bricht deshalb jeglichen Kontakt zu ihnen ab.<\/p>\n<p>Er nimmt mit dem Jugendamt und weiteren Beh\u00f6rden Verbindung auf und bekommt nach Tr\u00e4nen, vielen Entt\u00e4uschungen und Anstrengungen endlich eine Telefonnummer.<\/p>\n<p>Nach einiger Zeit wagt er endlich dort anzurufen, er legt sich Worte zurecht, probt sie, doch als er anruft und sich eine unsympathische Stimme meldet, legt er auf.<\/p>\n<p>Die Zeit verstreicht, er \u00fcberlegt hin und her. Er z\u00f6gert, zweifelt und findet schlie\u00dflich die Adresse heraus. Er begibt sich dort hin, streicht um das Haus, will klingeln, tut dies aber nicht und f\u00e4hrt wieder nach Hause. Dies wiederholt sich einige Male.<\/p>\n<p>Endlich klingelt er doch. Eine schwarzgekleidete Frau mit verweinten Augen \u00f6ffnet und erkl\u00e4rt ihm, dass die bisherigen Bewohner der Wohnung, gute Freunde, bei einem Autounfalll am Vortag gestorben seien. Angeh\u00f6rige g\u00e4be es keine, denn das Paar w\u00e4re alleinstehend gewesen, Kinder h\u00e4tte es also auch nicht gehabt. Der Junge geht todtraurig davon, seine lange Suche war vollkommen umsonst. Er ist ganz allein.<\/p>\n<p>Tage, Wochen und Monate verbringt er in Depression. Zu seinen Adoptiveltern hatte er immer noch nicht wieder Kontakt aufgenommen. So vergehen die Jahre, der Junge gr\u00fcndet eine eigene Familie und ab und zu denkt er noch an seine Eltern und die Suche nach ihnen.<\/p>\n<p>Als ihn die Nachricht vom Tod seiner Adoptiveltern erreicht, sind seine eigenen Kinder schon lang aus dem Haus. Ihn trifft die Trauer pl\u00f6tzlich und unerwartet, eine viel heftigere Trauer, als beim Tod der leiblichen Eltern.<\/p>\n<p>Und erst da erkennt er, dass er nie allein gewesen war, dass er immer Eltern gehabt hatte, dass er nur zu verbohrt gewesen war, um dies zu erkennen. Und nun war es zu sp\u00e4t.<\/p>\n<h4>Michael Weidinger: Bajuwarische Aufmerksamkeitsdefizite<\/h4>\n<p>Ein aus Asien kommender Mann ist auf dem Oktoberfest. Er hat f\u00fcr sich und seine Familie eine Box in einem hier nicht erw\u00e4hnenswerten Zelt reserviert. Zum ersten Mal auf der Wiesn folgt der Mann den Menschenmassen und stellt sich am Haupteingang an. Nachdem der Mann endlich ganz vorne in der endlos scheinenden Menschenschlange steht, holt er die Reservierungsbest\u00e4tigung heraus. Der T\u00fcrsteher, ein \u201eUr-Bayer\u201c sagt mit hektischer und lauter Stimme zu dem Mann, dass der Reservierungseingang an der Seite sei, und er ihn bei der Menschenmasse hier im Moment nicht einlassen k\u00f6nne. Mit einem Fingerzeig in Richtung des Reservierungseinganges schiebt er ihn beiseite.<\/p>\n<p>Nachdem der Asiat aber nur gebrochen Deutsch spricht und es ihm auch schwer f\u00e4llt, die deutsche Sprache zu verstehen, wei\u00df er nichts mit dem Worten des Security-Mannes anzufangen, zumal dieser auch noch mit bayerischem Akzent gesprochen hat. Somit dreht sich der Mann, in die Richtung um, in die der T\u00fcrsteher gezeigt hat. Dort erblickt er einen durchtrainiert und unfreundlich wirkenden T\u00fcrsteher, der einen Wiesnbesucher nach dem anderen abweist und auf die gro\u00dfe Schlange zeigt, aus welcher der Mann aus dem Osten immer weiter herausgedr\u00e4ngt worden ist. Aus Angst dort auch falsch verstanden zu werden, z\u00f6gert er. Schlie\u00dflich zieht sich der Mann ganz zur\u00fcck und setzt sich gegen\u00fcber dem Reservierungseingang auf den Boden und hofft, dass der Andrang der Menschenmassen nachl\u00e4sst und er es noch einmal bei dem ersten Eingang versuchen kann, weil ihm dort die Sicherheitsbeauftragten freundlicher vorgekommen sind.<\/p>\n<p>Doch die Menschenmassen lassen nicht nach. Im Gegenteil, es werden je n\u00e4her der Abend r\u00fcckt, noch mehr Leute, die hineinwollen. Als der Mann jedoch einmal auf die Toilette geht, bemerkt er auf dem R\u00fcckweg ein Fenster, durch das er deutlich einen freien Tisch sieht, auf dem die gleiche Nummer steht wie auf seinem Zettel. Voller Hoffnung stellt der Mann sich wieder am Haupteingang in die Menschenmenge und wartet dort Stunde um Stunde, ohne zu merken, dass dort schon l\u00e4ngst keiner mehr hineingelassen wird, da das Zelt schon \u00fcberf\u00fcllt ist.<\/p>\n<p>Als er endlich wieder an der T\u00fcre ankommt, r\u00e4umen die Putzkr\u00e4fte im Zelt schon auf, da die Band aufgeh\u00f6rt hat zu spielen und die Bedienungen kein Bier mehr ausschenken. Auf die Bitte hin, Englisch mit ihm zu reden, wird ihm erkl\u00e4rt, dass der Tisch, den er gesehen hat, schon seiner gewesen sei, und dass er den Reservierungseingang h\u00e4tte benutzen m\u00fcssen, um hineinzugelangen. V\u00f6llig entt\u00e4uscht tritt der Mann die Heimreise an, ohne das Zelt auch nur einmal betreten zu haben.<\/p>\n<h4>Meine neugeschriebene Geschichte<br \/> nach \u201eVor dem Gesetz\u201c von Franz Kafka<br \/> von S.M. (5c)<\/h4>\n<p>Der zw\u00f6lfj\u00e4hrige Franz ist aus Kranklershausen, einem kleinen D\u00f6rfchen in Niederbayern nach M\u00fcnchen gezogen. Auf der Hinfahrt hat er mehrmals die Brosch\u00fcre \u201eSch\u00f6nes M\u00fcnchen\u201c durchgebl\u00e4ttert. Eigentlich ist f\u00fcr ihn das meiste langweilig gewesen, denn Kulturelles hat ihn noch nie interessiert. Doch ein Name ist ihm immer wieder ins Auge gestochen: Blue Line.<\/p>\n<p>Was war wohl das Blue Line?\u00a0 Es war kein Bild dabei. Und darunter stand nur etwas wie \u201eHier k\u00f6nnen Sie eine Menge erleben!\u201c Nat\u00fcrlich war Franz neugierig geworden und stieg deshalb gleich nachdem die ersten Kartons abgeladen waren in die U-Bahn nach Neuperlach.<\/p>\n<p>Dort steht er nun und sucht nach der Schulstra\u00dfe. Da die Schulstra\u00dfe sehr gro\u00df ist, findet er sie schnell. Vor ihm steht ein gro\u00dfer, grauer Block. An die Wand sind zyanblaue Buchstaben genagelt, die zusammengesetzt BLUE LINE ergeben. Vor der gro\u00dfen T\u00fcr, von der man vor lauter daraufgeklebten Plakaten und Flugbl\u00e4ttern nur noch die Klinke sehen kann, wacht ein T\u00fcrsteher. Er tr\u00e4gt einen schwarzen Jogginganzug, graue Turnschuhe und eine rote Kappe. Um den Hals h\u00e4ngt ihm eine gro\u00dfe Goldkette und zwischen seinen Fingern klemmt eine Zigarette. Er sieht wie jeder x-beliebige Jugendliche aus, nur sein Blue-Line-Anstecker verr\u00e4t, dass er wirklich dort angestellt ist.<\/p>\n<p>Franz packt seinen neuen braunen Geldbeutel aus und bittet den T\u00fcrsteher h\u00f6flich: \u201eBitte, kann ich in dieses komische Blue Line da reingehen? Ich gebe dir f\u00fcnf Euro Eintrittsgeld!\u201c<\/p>\n<p>\u201eN\u00f6!\u201c, antwortet der T\u00fcrstehen. Er hat eine tiefe, raue Stimme. In dem sonst recht geizigen Franz breitet sich Neugier aus. Ohne zu z\u00f6gern, zieht er noch einen F\u00fcnf-Euro-Schein heraus.<\/p>\n<p>\u201eZehn Euro?\u201c Der T\u00fcrsteher sch\u00fcttelt heftig den Kopf, so dass seine Kappe verrutscht.<\/p>\n<p>\u201eNee, Alter! Du kannst da nicht rein, ey!\u201c<\/p>\n<p>Franz stampft auf. \u201eWieso nicht?\u201c, will er wissen.<\/p>\n<p>Der T\u00fcrsteher ruft: \u201eWeil, Mann! Ich lass dich nicht ins Blue Line! Kauf dir `ne DVD von den Teletubbiesund komm sp\u00e4ter wieder!\u201c<\/p>\n<p>Ver\u00e4rgert packt Franz die Geldscheine wieder ein, dreht sich um und kauft sich an der Eisdiele gegen\u00fcber einen Schoko-Vanille-Traum mit Cocktailkirschen und viel Sahne. Emsig r\u00fchrt er darin herum, bis ein marmorierter Brei entsteht und versucht den T\u00fcrsteher und das Blue Line Geb\u00e4ude, was immer darin sein mag, aus seinem Kopf zu verdr\u00e4ngen. Er stellt sich seinen Lehrer in einem rosa Ballkleid vor, beginnt aber nicht zu lachen. St\u00e4ndig h\u00f6rt er das Echo von dem, was der T\u00fcrsteher zu ihm gesagt hat. Es geht einfach nicht! Franz steht auf und l\u00e4sst den Eisbrei stehen. Ein paar \u00e4ltere M\u00e4dchen setzen sich an den Tisch und rufen: Das Auge isst nicht immer mit! Los Girls! machen wir uns \u00fcber die Pampe her!\u201c<\/p>\n<p>Langsam kommt Franz wieder an dem grauen Block an. \u201eJetzt ist sp\u00e4ter!\u201c, denkt er sich. Der T\u00fcrsteher ist gerade dabei seine Zigarette zu zertreten. \u201eHi, Alter! War\u2019n die Teletubbies lustig?\u201c, scherzt er.<\/p>\n<p>\u201eHa-ha-ha! Wie witzig!\u201d, st\u00f6hnt Franz. \u201eBevor du losalberst, sag mir erst einmal deinen Namen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDieter.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlso, Dieter&#8230;\u201c, beginnt Franz, doch Dieter unterbricht ihn.<\/p>\n<p>\u201eEy, Kumpel, check\u2019s mal! Nur weil du eine Viertelstunde Teletubbies geguckt hast, hei\u00dft das nicht, dass ich dich jetzt reinlass\u2019!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum, warum, warum darf ich nicht rein?\u201c, br\u00fcllt Franz. \u201eich gebe dir neunzehn Euro, mehr habe ich nicht!\u201c Richtig rot l\u00e4uft er an.<\/p>\n<p>Dieter grinst.\u201eDu kannst ja voll krass einfach durch mich durchrennen! Aber wenn du\u2019s machst, kannst du nie wieder D\u00f6ner kaufen, weil dann bist du platt. Und meine Kumpels am Hintereingang sind so konkrete Muskelprotze, bei denen bist du gleich tot! Ich bin ja nur die Stufe Eins, Mann!\u201c<\/p>\n<p>Solche Schwierigkeiten hat Franz nicht erwartet. \u00dcberall kribbelt es auf seiner Haut und in ihm kocht eine Br\u00fche aus Wut, Neugier und dem gro\u00dfen Willen, etwas zu erreichen.<\/p>\n<p>Dann will er am liebsten doch aufgeben und warten, bis er auch so alt wie der T\u00fcrsteher ist und dann ins Blue Line gehen, aber er bleibt stehen. \u201eIch bleibe hier!\u201c<\/p>\n<p>Dieter spuckt in einen Gulli und \u00e4chzt genervt: \u201eBoah, du bist hartn\u00e4ckig, echt \u00e4tzend! Aber du kannst ja da stehen bleiben!\u201c<\/p>\n<p>Lange steht Franz Dieter gegen\u00fcber. Auf seinem Gesicht sind Pickel und seine Z\u00e4hen sind vom Rauchen ganz gelb. Seiner Augenbrauen sind an der Nasenwurzel zusammengewachsen und seine zerstrubbelten Haare wirken wie das Fell eines Yeti. Wie ein richtiges Monster kommt er ihm vor. Franz k\u00f6nnte sich gut vorstellen, dass Dieter irgendwannn einmal gr\u00f6hlend durch die Stadt rennt. Es wird kalt und dunkel. Dieter ist inzwischen in eine speckige Lederjacke geschl\u00fcpft. Seine Stimme ist vor M\u00fcdigkeit langsamer und brummiger geworden.<\/p>\n<p>\u201eWillst du jetzt nicht mal heimfahren?\u201c, fragt er. Kleine W\u00f6lkchen steigen in die Luft, wenn er spricht.<\/p>\n<p>\u201eOkay!\u201c Franz schleicht zur Telefonzelle, wirft ein paar M\u00fcnzen in den Schlitz und ruft zuhause an. Seine Eltern sind sehr besorgt gewesen.<\/p>\n<p>\u201eSorry, ich wollte unbedingt mehr von M\u00fcnchen sehen!\u201c, spricht er in den H\u00f6rer.<\/p>\n<p>\u201eOch, Franz! Wir wollten doch n\u00e4chste Woche mit dir herumfahren\u00a0 und dir M\u00fcnchen zeigen, aber du machst immer alles auf eigene Faust und f\u00e4hrst in irgend so ein komisches Viertel!\u201c, wirft ihm die Mutter vor. \u201eAlso, dann fahr jetzt schnell heim! Wir essen ausnahmsweise auf dem Boden, weil der Tisch noch nicht aufgebaut ist. Suppe gibt\u2019s\u201c<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Tag ist ein Sonntag. Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck f\u00e4hrt Franz mit seinen Eltern zum Schwimmen und danach&#8230; Ja, richtig! Es geht wieder nach Neuperlach. Sp\u00e4ter kommt er auch nach der Schule immer wieder zum Blue Line. Zwischen Dieter und ihm ist eine kleine Freundschaft entstanden, aber nur eine winzig kleine. Dieter stellt Franz Fragen \u00fcber Kranklershausen und er fragt den Dieter nach M\u00fcnchen. Immer wieder versucht Franz Dieter so abzulenken, dass er nicht merkt, wie sich Franz ins Blue Line pirscht. Doch es gelingt Franz nie. Er hat versucht ihn zu bestechen, mit einer tollen gr\u00fcnen Baseballm\u00fctze, einer silbernen Rapperkette, einer roten Jeans und einem gro\u00dfen Apfeleis. Doch Dieter hat sich nicht weichkriegen lassen. Und die Neugier in Franz w\u00e4chst und w\u00e4chst und w\u00e4chst ihm bald zu den Ohren heraus. Was, verflucht, ist Blue Line?<\/p>\n<p>So geht das weiter, bis Franz vierzehn ist. Er lernt die Sprache von Erkan und Stefan und schmiert sich jeden Tag eine halbe Tube Gel ins Haar. Hauptsache er ist \u201eangesagt\u201c- und wehe seine Eltern verhalten sich \u201euncool\u201c Den Dieter endlich doch zu bestechen, ist schlie\u00dflich seine letzte Sorge!<\/p>\n<p>Doch irgendwann, Franz ist mittlerweile zwanzig, m\u00f6chte er doch noch einma wissen, was sich im Inneren dieses grauen Blocks verbirgt. Mit einem Kinogutschein f\u00fcr Dieter f\u00e4hrt er nach Neuperlach. Das Blue Line hat sich nicht ver\u00e4ndert. Blo\u00df Dieter sieht ein bisschen \u00e4lter aus. Er ist etwas edler gekleidet und hat keine Pickel mehr im Gesicht.<\/p>\n<p>\u201eHall, Franz, bist du\u2019s?\u201cfragt er. Er kann es kaum glauben. Franz nickt. \u201eWas willst du denn jetzt schon wieder wissen, Alter?\u201c Du kannst nie Ruhe geben, ey!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch will wissen, warum dich nie jemand au\u00dfer mir gefragt hat, ob er ins Blue Line darf! Ich denke es ist so erstrebenswert dort hineinzukommen!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWei\u00dft du, das ist so\u201c, erkl\u00e4rt Dieter und bem\u00fcht sich, ganz normales Hochdeutsch zu sprechen, \u201eniemand durfte rein, denn das Blue Line war immer f\u00fcr dich offen \u2013 jetzt sperre ich zu!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sachseite der Kafka-Parabel &#8222;Vor dem Gesetz&#8220; F\u00fcr Kafka-Leser ist die moderne Parabel \u201eVor dem Gesetz\u201c, die auch als T\u00fcrh\u00fcter-Parabel bezeichnet wird, gewisserma\u00dfen der Bauplan vieler Texte des Autors. Auf viele Leser wirkt der Text zun\u00e4chst trotz seiner sprachlichen Einfachheit unverst\u00e4ndlich. 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