Die eierlegende Wollmilchsau und andere Mythen

Als Biologielehrerin kennt man sich in der Tierwelt natürlich aus. Bezüglich der Artenvielfalt vielleicht nicht immer so gut, wie es sich die meisten Schülerinnen und Schüler wünschen würden. Bei bisher 1,8 Millionen wissenschaftlich beschriebenen Tierarten sei uns Fachleuten das aber hoffentlich verziehen. Würde ich also im Unterricht nach der Klassifizierung einer eierlegenden Wollmilchsau gefragt, fiele mir vermutlich zuerst das Schnabeltier ein. Es vereint, völlig untypisch, die Fähigkeit Eier zu legen – welche eigentlich den Amphibien, Reptilien und Vögeln zugeschrieben wird – mit den Säugetier-typischen Eigenschaften des Fellkleides („Woll“) und der Milchproduktion („Milch“). Nimmt man jetzt noch hinzu, dass in der Tierwelt weibliche Exemplare häufig eine extra Bezeichnung bekommen (z.B. Kuh, Stute, Sau), dann könnte man ja vermuten, dass eine Schnabeltierfrau der eierlegenden Wollmilchsau im biologischen Terminus ziemlich nahekommt. Doch hier muss ich Sie leider enttäuschen: obwohl das erste Exemplar eines Schnabeltieres Ende des 18. Jahrhunderts von Wissenschaftlern für eine kreative Fälschung gehalten wurde (ähnlich dem bayerischen Wolpertinger), waren sie bei der Namensgebung nicht sonderlich einfallsreich. Es blieb bei der simplen Bezeichnung „weibliches Schnabeltier“.

Von dieser kleinen Enttäuschung einmal abgesehen kämen meine Gedanken im Biologieunterricht vermutlich gar nicht dazu, so weit abzuschweifen. Vor der Aktivierung meiner ersten Gehirnzellen hätte längst ChatGPT oder ein anderer Chatbot die Beantwortung der Frage übernommen. Dort übrigens liest man zur eierlegenden Wollmilchsau: „… umgangssprachliche, ironische Bezeichnung für ein ideales, aber nicht existierendes Wesen (…), das scheinbar alle Wünsche erfüllt, nur Vorteile bietet und keine Nachteile hat, …“, kurzgesagt ein perfekter Alleskönner. Auch mit dieser Spezies kennen wir Biologielehrkräfte uns übrigens sehr gut aus. Weil unser Fach sehr weitläufig ist, und neben der Artenvielfalt auch Themengebiete wie Genetik, Neurologie, Anatomie oder Physiologie umfasst, werden wir manchmal (und das sehe ich durchaus als großes Kompliment) fast für Alleskönner oder besser: „Alleswisser“ gehalten. Vor vielen Jahren wandte sich eine verzweifelte Schülerin an mich, die seit Monaten einen stark juckenden Hautausschlag hatte, mit der Frage, ob ich wisse, was das denn sein könne. Mein Ratschlag führte letztlich zur erlösenden Heilung und ich erklomm bei ihr dadurch (nicht ganz berechtigt) den Status der Alleswisserin.

Dabei sei noch kurz darauf hingewiesen, dass diese quasi eingebaute Wikipedia-Funktion längst nicht das gesamte Repertoire einer Lehrkraft darstellt. Während einer einzigen Schulstunde „domptieren“ wir 30 Pubertiere gleichzeitig, während wir sämtliche zur Verfügung stehenden digitalen Medien altersgerecht und fachgerecht einsetzen, den Lerninhalt nach Leistungsfähigkeit differenzieren und dabei – fast nebenbei – die Bedürfnisse eines jeden einzelnen Unterrichtsteilnehmers im Blick behalten. Wir sind nicht nur Spezialisten für unsere Fächer, sondern auch für Medien- und Demokratieerziehung, für Didaktik und Pädagogik und selbstverständlich auch für den jährlich wechselnden Jugendjargon (wobei wir dabei meist eher „lost“ oder zumindest „cringe“ sind). Und nicht zu vergessen: wir arbeiten nur vormittags und haben 14 Wochen frei. Demnach sind nicht nur wir Lehrer Alleskönner, sondern auch unser Beruf bietet wie die besagte Wollmilchsau „… nur Vorteile (…) [und erfüllt] scheinbar alle Wünsche (…)“.

Viele Mythen? JA! JA! JA!

Lehrkräfte sind keine eierlegenden Wollmilchsäue. Wir sind weder Alleswisser, noch Alleskönner und ganz bestimmt keine idealen Wesen, die nur Vorteile und keine Nachteile bieten. Wir machen Fehler und sind zur rechten Zeit unbequem. Nicht immer ist unser Unterricht auf jeden Einzelnen zugeschnitten und nicht alles klappt so perfekt, wie es wünschenswert wäre. Aber seien Sie sich gewiss: die meisten Lehrkräfte brennen für ihre Fächer und wollen den Funken dieser Begeisterung überspringen lassen. Wir bemühen uns täglich so gut es geht, den Bedürfnissen unserer Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden, sämtliche Herausforderungen und Neuerungen des Schulwesens mit Fassung zu tragen und diese bestmöglich umzusetzen. Wir motivieren und fördern, aber fordern und maßregeln auch zur gegebenen Zeit. Wir sind keine Wunscherfüller ohne Nachteile, aber – und daran glaube ich ganz fest – kreative, zur rechten Zeit positiv verrückte Optimisten mit dem Herz am rechten Fleck und dem idealisierten Wunsch ein möglichst großes Stück unserer eingebauten Wikipedia-Funktion an unsere Schülerinnen und Schüler weiterzugeben.

Nina Ostermeier (Fachschaftsleiterin Biologie)

Kleine Randbemerkung: falls Sie über einen Jobwechsel nachdenken sollten – das mit den Arbeitszeiten gehört leider auch in die Kategorie „eierlegende Wollmilchsau“.

Bild: mit DALL-E Bildgenerator (fobizz) generiertes KI-Bild einer eierlegenden Wollmilchsau