Das Corona-Schuljahr aus einer subjektiven Lehrerperspektive

Hätte mir irgendjemand vor einem Jahr gesagt, was uns für ein Schuljahr bevorsteht, hätte ich vermutlich zuerst einmal einen Schreikrampf bekommen. Unmittelbar danach hätte ich voraussichtlich versucht, kurzfristig ein Sabbat-Jahr einzureichen und nach Neuseeland auszuwandern. Nebenher hätte ich alle Elektrofachmärkte gekapert, um meinen drei Kindern eine vernünftige digitale Ausrüstung zu beschaffen, meinem Telefonanbieter gekündigt, um bei einem anderen die Chance auf ein Glasfaserkabel zu haben, ein Au-Pair-Mädchen engagiert, das idealerweise fließend deutsch und englisch spricht und zudem eine Ausbildung als Grundschullehrerin hat und – wo wir gerade dabei sind – eine Koch-Putz-Sekretärin-Allround-Fachkraft angestellt, damit der Laden zu Hause auch ohne mich weiterläuft. Hätte…

Zum Glück – in vielerlei Hinsicht – habe ich es nicht gewusst und die pure theoretische Möglichkeit als bekennende Optimistin erstmal verdrängt.

Dieses Schuljahr war in jeder erdenklichen Weise ein Besonderes und vor allem ein besonders Anstrengendes. Als Mama musste ich plötzlich gefühlte IT-Expertin sein und meinen Kindern Crash-Kurse im Erstellen verschiedenster Dateiformate, von Filmen und Audiodateien geben. Als Lehrerin musste ich mich mit dem großen Rätsel BigBlueButton und dem noch viel größeren Mysterium Mebis auseinandersetzen. Und das war ja erst der Anfang!

So viele Fragen ergaben sich erst im Laufe der Zeit. Zum Beispiel: wie können fünf Leute eines Haushaltes (genügend digitale Endgeräte vorausgesetzt) gleichzeitig in fünf verschiedenen Videokonferenzen sein? Na ja, wenn man es positiv nimmt: so lange keiner die Kamera an hat und auch nichts sagt, geht das ganz gut. Wenn man einen frustrierten 8-Jährigen hat, der als einziger sein Haustier nicht vorstellen kann, weil es ihn bei jedem Anschalten des Mikros aus BBB raushaut, nicht mehr so gut. Das ist aber ja nur die technische Seite.

Haben Sie sich schon mal gefragt, wie man Schüler*innen unterrichtet, die man nicht sieht? Und die man (mit wenigen Ausnahmen) auch nicht hört? Während ich in den höheren Jahrgangsstufen den Großteil des Distanzunterrichtes ausschließlich mit meinem eigenen Spiegelbild auf BBB gesprochen habe, in der Hoffnung, dass am anderen Ende der Leitung möglichst viele zuhören und nicht gerade beim Einkaufen, Kaffeetrinken oder Switch-Zocken sind, haben meine Schüler*innen mich im wahrsten Sinne des Wortes von einer anderen Seite kennengelernt: vermutlich konnten sie mir bei meinen laienhaften Anfangsversuchen Unterricht über die Mini-Kamera meines Smartphones zu machen regelmäßig in ein Nasenloch schauen, meine Rachenmandeln begutachten oder vieles auf der Experimentierfläche des Lehrerpultes sehen, nur nicht das, was sie eigentlich hätten sehen sollen. Da ist es schon wieder: das „hätte“ …

Ganz nebenbei ist vermutlich mein Antlitz per WhatsApp, Snapchat oder sonstige Medien verbotenerweise in den letzten Monaten häufiger durch das WWW gekurvt als bei manch einem YouTube-Sternchen. Mit meinem eigentlichen Beruf hatte das letzte Schuljahr ganz oft nicht mehr viel zu tun. Und ganz nebenher musste ich ja nicht nur meine Schüler*innen „bespaßen“, sondern – wie alle anderen Eltern auch – meine eigenen Kinder zu Hause mit Schule, Sport, Essen, guter Laune, alternativen Freizeitbeschäftigungen und diversen Zusatzerklärungen bezüglich ihrer theoretischen Unterrichtsinhalte versorgen. Hätte das alles irgendwie besser, einfacher, zufriedenstellender, positiver, weniger frustrierend verlaufen können? Hätte es bestimmt!

Aber selbst wenn man kein grundsätzlich extrem positiv denkender Mensch ist, muss man bei gründlicherem Nachdenken sicherlich zugeben, dass es auch deutlich schlechter hätte laufen können. Die Grundschullehrerin meines Sohnes beispielsweise macht ihre Sache unter den aktuell gegebenen Umständen im Distanzunterricht ganz hervorragend! Ich habe zwar keine neue Terrasse im Garten angelegt, aber zumindest mal wieder ein paar Bücher gelesen. Und ab und zu habe ich in der großen Pause zwischen 9:25 und 9:45 Uhr in der Sonne auf meiner Gartenbank einen schnellen Espresso getrunken.

Die Schüler*innen haben dieses Jahr vielleicht in Biologie, Latein oder Mathematik nicht so viel gelernt wie im Präsenzunterricht eines normalen Schuljahres, aber dafür im so wichtigen Bereich der Digitalisierung einen enormen Sprung nach vorne gemacht. Viele von ihnen haben also vielleicht gar nicht weniger gelernt, sondern allenfalls eben nur ein bisschen anders.

Hätte ich also vorher gewusst, was alles auf uns zukommt in diesem Jahr, hätte ich dann irgendetwas anders gemacht? Ich glaube nicht! Denn einiges hätte ich damit verpasst: ich hätte nicht 10 verschiedene Ausreden für nicht-funktionierende Mikros kennengelernt, nicht erfahren, dass WhatsApp die perfekte Plattform ist, um kollektiv im Klassenchat die Lösungen für die auf BBB stattfindende Abfrage zu posten. Ich hätte nicht so deutlich gemerkt, wie sehr es mir fehlen würde, täglich Schüler*innen unterrichten zu dürfen, hätte ohne Distanzunterricht keine so netten Rückmeldungen von Eltern bekommen, mir vermutlich nicht die Zeit genommen, zu lernen, wie man Erklärvideos erstellt und auch viele andere Kleinigkeiten versäumt.

Dieses Jahr war ein Besonderes, ein besonders Schwieriges, aber auch ein Bereicherndes. Wir alle konnten uns in Toleranz, Ausdauer, Geduld und Beharrlichkeit üben und unsere Frustrationsschwelle verbessern. Wir konnten unsere Mitmenschen von anderen Seiten kennenlernen und merken, wie wichtig das besondere Engagement Einzelner ist. Das alles hätte ich verpasst.

Doch nun, liebes Sars-CoV-2, wünsche ich mir für das nächste Schuljahr trotzdem wieder ein bisschen mehr „altes“ Schulleben, weniger Maske, weniger Mebis, weniger Katastrophen in vielen Bereichen und viel mehr Schüler*innen in live. Anderenfalls hätte ich mir das mit Neuseeland dann doch noch mal überlegt…

(Nina Ostermeier)