So lange haben wir als Lateinfachschaft darauf hingefiebert, dass es wieder eine Studienfahrt gibt, an der wir uns beteiligen können. Wir würden natürlich gern mit den SuS nach Rom oder Pompeji fahren, aber Wien ist für Freunde der Antike auch nicht zu verachten.
Zwei Tage der Woche, den Dienstag und Mittwoch, haben bei unserer Studienfahrt die jeweiligen Fachlehrer gestaltet. Also ging es für die „Römer“ erst mal ins Römermuseum. Wien ist eine römische Gründung aus der Zeit des ersten nachchristlichen Jahrhunderts und hieß damals Vindobona. Am Anfang war es nichts anderes als ein von der geographischen Lage her recht gut geschütztes Legionslager, neben dem aber bald eine Lagervorstadt und eine Zivilsiedlung entstand. Schließlich hatten die Soldaten ja eine Familie. Außerdem war es für viele Händler und Handwerker attraktiv, ein Legionslager zu beliefern. Das Legionslager befand sich damals im heute ersten Bezirk und das Römermuseum wurde genau dort eingerichtet, wo früher offenbar sehr luxuriös ausgestattete Offiziershäuser standen. Wenn man im Römermuseum also den Keller betritt, kann man die Reste der damaligen Fußbodenheizung und an manchen Stellen noch den Fußboden besagter Häuser sehen. Unter dem Fußboden gab es dafür kleine Ziegelsäulen, sogenannte Hypokausten, durch die mittels einem Ofen, der von Sklaven von außerhalb angeheizt wurde, warme Luft geleitet wurde. Wenn man sich fragt, warum das römische Reich über die vielen Jahrhunderte so stabil gewesen ist, dann wird die Antwort unter anderem auch lauten, weil die Römer eine Erzählung über ihr Staatswesen verbreiteten, das verfing und überzeugte: Wir Römer bringen den Völkern die Segnungen der Zivilisation wie Heizung, Hygiene, Wasser aus den Bergen, medizinische Versorgung, ordentliche Straßen, Vergnügungen, sie müssen sich nur eingliedern und Steuern zahlen. Außerdem war für alle sichtbar, dass man im römischen Reich tatsächliche Karriere machen konnte. Schaffte man es bis zum Offizier einer Legion, dann wohnte man eben nicht mehr mit 8 Kameraden auf engstem Raum, sondern bewohnte eine großzügig ausgestattete Villa mit Fußbodenheizung.
Den Nachmittag desselben Tages verbrachten „die Lateiner“ im Kunsthistorischen Museum. Die Teilnehmer suchten sich ein Gemälde oder eine Skulptur mit mythologischem Hintergrund und forschten anhand verschiedener Aufgaben zu den Objekten. Die Fragen lauteten z.B.: Welcher griechische oder römische Autor hat dieses Thema bearbeitet? Welchen Moment hat der Künstler herausgegriffen? Welche menschlichen Verhaltensweisen oder Charaktereigenschaften werden sichtbar?
Der Mittwoch war dann Carnuntum vorbehalten. Diese Stadt mit ihren im 1. und 2. nachchristlichen Jahrhundert immerhin 60 000 Einwohnern war die Hauptstadt der römischen Provinz Pannonien und lag 40 km von Wien entfernt. Außer dem Heidentor außerhalb der Stadt ist von Carnuntum allerdings nichts erhalten. Die Menschen aus den späteren Jahrhunderten haben die Steine von Carnuntum für ihre eigenen Bauten verwendet und das antike Carnuntum auf diese Weise fast völlig recycelt. Es gibt aber in Bad Deutsch Altenburg in der Nähe des früheren Carnuntum ein mit erstaunlichen Objekten aus der Gegend bestücktes Museum und im Nachbarort Petronell Carnuntum einen Archäologischen Park, in dem man das Geld dafür aufgebracht hat, auf den ausgegrabenen alten römischen Fundamenten bestimmte römische Gebäude wie Thermen, das Haus eines Weinhändlers oder auch einzelne Räume einer römischen Villa wieder aufzubauen. Fundamente und Fundstücke wurden dafür vorher einer eingehenden wissenschaftlichen Prüfung und Auswertung unterzogen. So fand sich in einer teilweise wieder aufgebauten römischen Villa tatsächlich ein Raum mit einer Apsis. Und an den Wänden konnten eindeutig Fresken nachgewiesen werden, die Theatermasken zeigen. Nun hat eine Apsis die Eigenschaft, ganz ohne Mikrophon die Stimmen zu verstärken. Deshalb geht man davon aus, dass in diesem Raum tatsächlich im privaten Kreis kleine Theateraufführungen stattgefunden haben.
Und die Fans der Antike von heute können darin sitzen und sich endlich einmal alles richtig vorstellen, statt durch Ruinen zu stolpern und wieder einmal zu bedauern, dass unsere Vorstellungskraft doch nicht so ganz ausreicht.
Friederike Heine



