Fauxpas zu Fotheringhay

Friedrich Schiller gehört zu den bedeutungsvollsten Schriftstellern der deutschen Geschichte. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass die Messlatte für Inszenierungen seiner Stücke sehr hoch liegt. Dies war dem Regisseur seines Werkes „Maria Stuart“ sicher auch bewusst, als er an den Dreharbeiten für die neu entstandene Fernsehproduktion war. Als neutraler Zuschauer fragt man sich dann doch sehr, was er sich dabei gedacht hat, das Werk so zu verändern, dass der Charakter der meisten Hauptpersonen fast in allen Fällen stark von der Vorlage abweicht. Ein gutes Beispiel hierfür ist Paulet, der Hüter der Maria. Im Stück wird er als Vertreter des Rechts dargestellt, ohne äußeren Einflüssen zu erliegen. In der Inszenierung ist dies aber nur im Ansatz zu erkennen. Viel stärker ist seine Arroganz, mit der er auf Maria schaut. Seine Rolle wird so sehr unglaubwürdig, auch wenn sie sehr gut gespielt ist.

Gute Arbeit haben hingegen die Bühnenbildner und die Kostümabteilung geleistet. Die Kleidung wirkt durchgehend authentisch, der Kontrast zwischen Maria, die komplett in schwarz gehüllt ist, und Elisabeth, die gern in prunkvollen, goldenen Gewändern auftritt, tritt deutlich zu Tage. Parallel hierzu sind die beiden Schlösser, Westminster und Fotheringhay, angelegt. Fotheringhay, ein kleines Schloss mitten in England und der ehemalige Stammsitz des Hauses York, welches im 15. Jahrhundert im sogenannten Rosenkrieg um die englische Krone stritt, ist sehr dunkel und eng angelegt. Sieht es auch nicht aus wie ein Kerker, so ist doch zu erkennen, dass es ein recht ungemütliches Gefängnis für eine Königin ist. Im Gegensatz dazu steht Westminster, der Sitz von Queen Elizabeth I., ausladend und hell.

MARIA. Spreng endlich deine Bande, tritt hervor aus deiner Höhle, langverhaltner Groll – und du, der dem gereizten Basilisk den Mordblick gab, leg auf die Zunge mir den giftgen Pfeil – 

SHREWSBURY. O sie ist außer sich! Verzeih der Rasenden, der schwer Gereizten!  

(Friedrich Schiller: Maria Stuart; III,4 V. 2439ff.)  

Als es im Garten von Fotheringhay zum Höhepunkt des Geschehens, der Begegnung der beiden Königinnen kommt, haben sich die Regisseure einen besonders großen Fehler erlaubt. Schiller wollte die Sympathien der Leser auf Maria lenken. Als Maria aber plötzlich auf Elisabeth einstürmt und es fast zu Handgreiflichkeiten kommt, fragt man sich dann doch, ob nicht vielleicht die Königin von England im Recht ist. Die Begegnung endet somit unentschieden. Mit diesen Hintergedanken ist dann auch der Rest nicht mehr schlüssig, das Ende hinterlässt einen relativ ratlosen Zuschauer. Nicht zu schelten ist hingegen die schauspielerische Leistung von Elisabeth und Maria. Gerade Maria füllt ihre Rolle voll aus und wirkt sehr glaubwürdig in ihrem Handeln. Dies kann man auch für Elisabeth sagen, der man anmerkt, dass sie die Puppe ihrer Ratgeber, Leicester und Burleigh, ist.

Eine vollkommene Enttäuschung ist hingegen die Figur des Mortimers, die weder gut inszeniert, noch gut gespielt ist. Seine fanatische Hysterie, gepaart mit einem absolut nicht überzeugenden Auftreten, passen nicht zu dem jungen Intriganten. Auch bleibt seine Wandlung zur tugendhaften Person durch seinen Freitod nur zu erahnen. Er stirbt hier nicht frei, sondern bleibt in seinen fanatischen Zwängen gefangen. Ebenfalls intrigant, aber keineswegs schlecht, wird die Rolle von Leicester ausgefüllt. Ihm ist seine Feigheit und Skrupellosigkeit deutlich anzumerken, genauso wie seinem Gegenspieler, dem Baron von Burleigh. Geschickt taktierend geling es beiden, ihre Ziele zu erreichen, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen. Wie von Schiller auch erdacht,  läuft die Sympathielenkung der Zuschauer in die entgegensetzteRichtung, so dass am Schluss allen klar ist, dass diese beiden alles andere als tugendhaft gehandelt haben.

Ob man sich die Fernsehausstrahlung nun anschaut oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen, doch wird es nicht viel mehr als eine leichte Samstagabendunterhaltung sein, dafür ist das Stück viel zu sehr gekürzt, zum Teil auch an wichtigen Stellen. Auch wenn es eine Freude ist, die schauspielerische Leistung von Maria und Elisabeth zu genießen, bleibt doch das Original von Schiller die bessere Wahl.

Patrick Urban

(P. Urban beobachtet für die Homepage des GRG das literarische Medienangebot im Grundkurs Deutsch; S. Orth) Redaktion: D. Zink