Big Bang am Stromboli

Die GRG-Exkursionsgruppe unter der Leitung von Dionys Zink und Begleitlehrerin Katja Lehmann befand sich mit ihrem offiziellen Bergführer Marco (Magmatrek) auf der Aufstiegsroute von der Punta Labronzo zum Pizzo sopra fossa (910 m ü.NN), dem Beobachtungspunkt oberhalb der Kraterterrasse. Nachdem die Gruppe etwa die Höhe von 400 m ü.NN erreicht hatte, ereignete sich auf der Kraterterrasse (740 m ü. NN) eine schwere paroyxsmale Explosion verbunden mit einem sehr lauten Knall. Da dieses Ereignis als ungewöhnlich eingestuft wurde, musste der Aufstieg zum Pizzo abgebrochen werden.

Der Aufstieg in die Gipfelregion des Stromboli begann um 17.10 Uhr mit der ersten Wegstrecke von der Unterkunft („Villagio Stromboli“) zur Punta Labronzo, dem Standort des früheren Observatoriums. Der Weg führt zunächst durch den Gemeindeteil San Bartolo, dessen dichte Bebauung von subtropischen Gärten geprägt ist. Besonders auffällig waren prächtige Bougainvillea-Büsche in voller Blüte. Wie auch auf den anderen Inseln und auf dem festland wies auch hier die Vegetationsentwicklung im Jahresgang einige Verspätung auf. Normalerweise sind im Juni bereits die Feigen reif, in diesem Jahr waren nur kleinwüchsige und unreife Früchte zu sehen. Der Weg außerhalb der Ortschaft besteht im wesentlichen aus eine gepflasterte Straße, die teilweise von Aschesand bedeckt ist und mit geländegängigen Versorgungsfahrzeugen genutzt werden kann. Den Weg säumt ein dichter Bestand an Riesenschilf, das in früherer Zeit vor allem als leichtes Baumaterial Verwendung fand, heute aber kaum mehr geerntet wird.

Bereits am Vortag war dieser Weg im Rahmen des Exkursionsprogramms zurückgelegt worden, da sich etwa 100 m oberhalb des Labronzo-Plateaus eine automatisierte Überwachungsstation befindet. Von deren Position lässt sich vor allem der Unterhang der Sciara del fuoco („Feuerrutsche“) aber auch die geologische Gesamtstruktur der Insel überblicken.

Am 30.6. 2010 setzte die Gruppe ihren Weg über die Höhe der Beobachtungsstation hinaus fort und erreichte das Ende des gepflasterten Wegs (250 m ü. NN) gegen 18.00 Uhr. Dort wurde ein geplanter Halt eingelegt, bei dem der Bergführer über die weitere Beschaffenheit des Weges informierte und bereits bekannte Einzelheiten zur Genese des Strombolicchio darstellte, da von diese ehemalige Schlotfüllung von dort aus noch einsehbar ist.

Bis dahin war von der üblichen Aktivität auf der Kraterterrasse nichts zu hören oder zu sehen. Lediglich die Fumarolen am Rand der Kraterterrasse zeigten mit dem Austritt von Wasserdampf und Schwefeldioxid ein gewöhnliches Tätigkeitsbild.

Oberhalb des befestigten und noch befahrbaren Weges beginnt der Fußpfad durch die vor allem von Ginster dominierte Vegetationsstufe. Die Schüler bewegten sich in mäßigem Tempo und weitgehend geschlossener Ordnung aufwärts. An einem der Aussichtspunkte über die Sciara (400 m ü. NN) wurde um 18.30 ein weiterer planmäßiger Halt eingelegt. Seitlich des Weges war während des letzten Streckenabschnitts im Gelände zwischen der eigentlichen Sciara und dem Fußpfad eine halbwilde Ziegenherde zu sehen, deren Leittier auf einer exponierten Felskanzel die Gruppe neugierig beobachtete. Zu diesem Zeitpunkt war bereits Bewölkung aufgezogen, welche auch den Gipfelbereich der Beobachtung entzog.

Der Bergführer erklärte gegen 18.35 gerade die Struktur der Sciara del fuoco, als er von dem sausenden Geräusch unterbrochen wurde, das der gewöhnlichen Eruptionstätigkeit auf der Kraterterrasse vorausgeht. Der Vorgang wurde nach Wahrnehmung einiger Exkursionsteilnehmer und des Leiters von einem deutlichen Tremor begleitet. Dieses Geräusch mündete nach wenigen Sekunden in einen sehr lauten Explosionsknall. Unmittelbar darauf war die Auswurfs- bzw. Sturzaktivität auf der Sciara zu beobachten. Blöcke, die nach Ansicht der Teilnehmer die Größe von Kleinwagen erreichten, rollten die Sciara mit erheblicher Staubentwicklung abwärts. Einige Teile dieses Materials waren noch rotglühend, mussten daher also aus einem der Krater ausgeworfen worden sein, bestanden also nicht aus Versturzmaterial. Die herabstürzenden oder rollenden Blöcke rauchten teilweise noch, die größten erreichten die Wasserlinie und gerieten dort außer Sicht.

Nach Aufforderung des Exkursionsleiters traten die Schüler etwas vom Rand des Aussichtspunkts zurück und befanden sich somit im relativen Schutz vor Sturzmassen unterhalb einer Hangversteilung. Der Bergführer wies die Gruppe an, die mitgeführten Helme aufzusetzen, die sonst erst auf der Höhe der Kraterterrasse (ca. 740 m ü. NN) aufgesetzt werden müssen. Nach kurzer Rücksprache über Funk mit der Koordinationsstelle von Magmatrek in San Vincenzo, erklärte der Bergführer, dass der weitere Aufstieg nicht mehr möglich sei, weil einzelne vulkanische Bomben weiter oben die Vegetation in Brand gesetzt hätten und die Heftigkeit des Ausbruchs als ungewöhnliches Ereignis bewertet worden sei, welches die Sperrung der Gipfelregion zur Folge haben werde.

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Sturzereignis aud der Sciara del Fuoco (Stromboli) am 30.6.2010 etwa um 18.30 gesehen von der „Alten Pizzo-Route“ aus, Höhe etwa bei 400 m ü. NN.

Die Gruppe trat daraufhin geordnet den Rückweg an. Etwa 100 Höhenmeter oberhalb des Umkehrpunktes war ein kleiner lokaler Brandherd in der Ginstervegetation auszumachen, der sich allerdings in der Nähe des ursprünglich vorgesehenen Aufstiegswegs befand, so dass der Abbruch der Exkursion zum Gipfel auch aus diesem Grund unmittelbar zwingend war.

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Neugierige Ziegen beobachten das Geschehen auf der Sciara. Die Dampfwolken am Fuß des Abhangs zeugen von der Hitze der herabstürzenden Gesteinmassen.

Bereits zwanzig Minuten nach der Umkehr begegnete der Gruppe ein Polizeibeamter in Begleitung seines Hundes, der das höhergelegene Gelände nach unangemeldeten Wanderern absuchen und den Zugang oberhalb der Höhe von 450 m sperren sollte. Zum selben Zeitpunkt stieg in San Bartolo ein erster Helikopter auf, der neben der Suche nach Personen in der Risikozone weiter oben das Ausmaß der Brände und mögliche Veränderungen in der Gipfelzone und auf der Sciara feststellen sollte. Im Abstieg traf die Gruppe auch auf den Vulkanbergführer Andrea Ercolani, der frühere Exkursionen des GRG am Ätna begleitet hatte. Seiner Einschätzung nach war der Aufenthalt im Bereich unter 450 m ü. NN nicht kritisch. Er setzte seinen Aufstieg gemeinsam mit zwei seiner Kunden fort.

Die GRG-Exkursion erreichte das alte Observatorium gegen 20.00. Dort verabschiedete sich der Bergführer Marco von der Gruppe und kehrte nach San Vincenzo zurück um Bericht zu erstatten. Er informierte auch eine GRG-Schülerin über das Geschehen, die nicht am geplanten Aufstieg teilgenommen hatte und sich zu dieser Zeit in einem Lokal in der Nähe des Magmatrek-Büros befand. Da der heftige Knall der Eruption wie über Funk bestätigt worden war, auf der ganzen Insel bestürzte Reaktionen in der Bevölkerung ausgelöst hatte, sollte sie so rasch als möglich infomiert werden. Weil jedoch in diesem Bereich kein Mobiltelefonverkehr möglich ist, konnte dies nur auf direktem Weg geschehen.

Im weiteren Verlauf hielt sich die Gruppe neben der Pizzeria an der Punta Labronzo auf und beobachtete von dort das weitere Geschehen in der Gipfelzone, soweit dieses bei weiterhin wechselhafter Bewölkung auszumachen war. Bereits zu diesem Zeitpunkt konnte ein kleiner Brandherd oberhalb von San Bartolo im Gebiet Vallonazo ausgemacht werden, der sich zunächst jedoch nicht ausweitete. Die Situation schien sich zu normalisieren, denn es kam nicht mehr zu größeren Sturzbewegungen auf der Sciara del fuoco. In der Zwischenzeit traf auch der Chef der lokalen Zivilschutzbehörden ein. Er bestätigte, dass einzelne Blöcke auch im oberen Bereich der neuen Aufstiegsroute von San Vincenzo aus niedergegangen waren und dieses Ereignis auch vom Ort aus zu sehen gewesen war. Um 21.15 stieg dann am Hang oberhalb von San Bartolo etwa auf 350 bis 400 m Höhe eine schmale, aber hohe Rauchsäule auf, die sich rasch ausbreitete. Zugleich zeigte sich die normale strombolianische Tätigkeit wieder: Eine SW gelegene Bocche (Austrittsöffnung) trat mit Ausbrüchen von bis zu 30 Sekunden Dauer in Aktion. Dies wurde unter den anwesenden Sachverständigen allgemein als positives Anzeichen gewertet, weil die regelmäßige Entgasung der Magmasäule im Schlot mittels kleinerer paroxysmaler Ausbrüche eine Rückkehr zur normalen Aktivität des Vulkans vermuten lässt.

Nach allgemeiner Auffassung gilt der Krater des Stromboli als verstopft, so dass sich stattdessen insgesamt fünf Austrittsöffnungen gebildet haben, die als Bocche (ital. für „Maul“) gebildet haben, über welche die Entgasung der Magma stattfindet. Neben diesen Bocchen existieren noch sogenannte „Vents“, die kleinere Öffnungen am Rand oder zwischen den Bocchen darstellen. Die Magma des Stromboli gilt als sauer und gasreich. Infolge des Aufsteigens der Gase in der Magmasäule kommt es zu mehr oder weniger regelmäßiger Ausbruchstätigkeit der Bocchen und Vents (paroxysmale Tätigkeit). Dabei wird zurückgestürztes, aufgeschmolzenes Material ausgeworfen, das vor allem nachts ein rotglühendes Feuerwerk bietet, welches unter normalen Umständen von Touristen gefahrlos vom Pizzo oberhalb der Kraterterrasse beobachtet werden kann. Wie später bekannt wurde, war der große Knall um 18.35 mit der Öffnung eines weiteren Vents verbunden. Die Sturzaktivität auf der Sciara ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass diesmal nicht nur Material aus dem oberflächenahen Bereich der Bocchen in die Höhe gerissen wurde, sondern Gestein der Kraterterrasse selbst in das Ausbruchsgeschehen einbezogen wurde.

Weil der Brand oberhalb von San Bartolo sich rasch ausbreitete, fuhren der inzwischen zurückgekehrte Bergführer Marco und ein Kollege auf einem Geländemotorrad den gepflasterten Teil des Weges aufwärts, um Andrea Ercolani und seine Gruppe zur Rückkehr aufzufordern. Es war nicht auszuschließen, dass sich der Brand auch nach Norden zu ausbreiten und ihnen damit den Rückweg abschneiden würde.

Gegen 21.30 Uhr trat die Exkursionsgruppe im Schein von Taschenlampen den Rückweg zur Unterkunft an. Unterwegs konnte sie die Ausbreitung des Brandes im Gebiet Vallonazo beobachten. Maßnahmen gegen den Brand konnten offensichtlich wegen der Dunkelheit und mangels geeigneter Löschvorrichtungen nicht getroffen werden. Nach Informationen von Magmatrek musste wegen der Hitzeentwicklung auch ein vorgeschobener Beobachtungsstand der Vulkanologen geräumt werden, der sich in der Nähe des Brandes befindet.

Der GRG-LK Geographie traf gegen 22.00 wohlbehalten bei der Unterkunft ein. Während der Nacht ging ein Ascheregen nieder, der jedoch nicht aus vulkanischer Aktivität herrührte, sondern vor allem von der verbrannten Vegetation oberhalb von San Bartolomeo stammte

Nachtrag: Weil die Wanderung nur eine Höhe von 450 ü.NN erreichte und damit nur an die Grenze heranführte, bis zu der der Aufstieg auch ganz ohne offiziellen Bergführer erlaubt ist, war Magmatrek freundlicherweise bereit, auf einen Teil der vereinbarten Kosten für die begleitete Führung zu verzichten. Nach weiteren Quellen war der Knall der Explosion bis aufs siziliansiche Festland und auf der noch weiter entfernten Insel Ustica zu hören gewesen.

Der folgende Tag war geprägt von dauerndem Betrieb der Löschflugzeuge, die um sechs Uhr morgens ihre Arbeit begannen und den Brand erst gegen Abend vollständig unter Kontrolle hatten. Die Vegetation des Berghangs Vallonazo wurde auf einer Fläche von mehreren Hektar verbrannt.

Text und Redaktion: D. Zink mit dem LK Geographie 2009-11

Photo 1 Elke Steinhauser Photo 2 Susanne Pfeil (LK Geographie)