Neue Perspektiven im Deutschunterricht

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Schule aus, Fernseher an. Ein bisschen abschalten, später Computer anschalten. Erst mal Facebook-Account checken, mal schaun, was es so Neues gibt. Ah, da hat ja wer einen Link zu einem lustigen Youtube-Video gepostet.

Dass moderne Medien einen großen Stellenwert im Leben der Schüler haben, ist nun wahrlich keine Neuigkeit mehr. Das kann man nun gut finden oder auch nicht, ändern jedoch kann man diese Angewohnheiten kaum. Was man jedoch ändern kann, ist der Umgang mit diesen neuen Formen der Unterhaltung. Hier ist es Aufgabe der Schule, sich auf die Neuerungen in der alltäglichen Welt der Jugendlichen einzustellen und entsprechend zu reagieren. Es darf dabei nicht aber darum gehen, die neuen Medien zu verteufeln, sondern vielmehr, den Schülern Hilfestellungen für einen kompetenten Umgang mit ihnen zu geben. Das meint weniger die unmittelbare Bedienung als vielmehr die Fähigkeit, diese neuen Kulturgüter kritisch betrachten und in einen größeren Zusammenhang einordnen zu können.

Seit einigen Jahren laufen deshalb bunte Filmchen auf den Projektionsflächen im Graf-Rasso, die dem routinierten Fernsehkonsumenten nur allzu gut aus unzähligen Werbepausen bekannt sind. Bunte Filmchen? Wunderbar, mag sich da der eine oder andere Schüler denken. Da lehn’ ich mich zurück und lass mich mal ordentlich berieseln. Weit gefehlt! Ganz genau hinsehen soll man, und dann auch noch überlegen, wieso der Regisseur wohl das beworbene Produkt in Sekunde 0.12 in der Einstellungsgröße Nah aus der Vogelperspektive darstellt und das Ganze mit sanfter Musik unterlegt.

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Das 21. Jahrhundert hat mit all seinen medialen Herausforderungen Einzug gehalten in den Deutschunterricht: Filme, das sind besondere Texte, die nach bestimmten Mustern und mit verschiedenen Mitteln ihre Botschaften transportieren. Einen Film in seiner Wirkung auf den Zuschauer zu durchschauen, das ist gar nicht so viel anders, als einen Zeitungsartikel oder einen Prosatext unter die Lupe zu nehmen. Wer einem Film genauso kritisch begegnen kann wie einem Text, der erkennt erst, mit welcher Finesse hier gearbeitet wird: Ein 20-sekündiger Werbefilm ist ähnlich durchkonstruiert wie ein Gedicht, keine Stelle ist dem Zufall überlassen, alles ist bis ins Detail durchdacht und auf den Punkt gebracht. Ist es Zufall, dass die Werbebranche mit den gleichen sprachlichen Mitteln arbeitet wie ein Dichter? Wohl kaum…

Um den neuen „Texten“ Herr zu werden, ist wiederum eine Fähigkeit gefragt, die bereits aus dem Deutschunterricht bekannt ist: Die ganz genaue Betrachtung aller Details. Wer das einmal bei einem kurzen Film versucht, der merkt, wie viele Ebenen es hier gibt, auf die man achten muss: Neben dem reinen Geschehen spielen die Kameraführung, die Perspektiven, die Musik, diverse Geräusche, der Schnitt, die Beleuchtung und vieles andere eine Rolle. Um all diese Ebenen fassen zu können, ist die Kunst des exakten Protokolierens gefragt, denn erst nach einer detaillierten Mitschrift wird klar, wie die einzelnen filmischen Mittel zusammenwirken. Dem guten alten Protokoll, hinlänglich bekannt aus Vereinssitzungen und Geschäftstreffen, wird somit ein ganz neuer Zweck zugeführt, es entsteht ein Medienprotokoll.

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Um genau beschreiben zu können, mit welchen Mitteln im Film gearbeitet wird, müssen außerdem neue Fachbegriffe gelernt werden. Um diese für die Schüler greifbarer zu machen, ist die Klasse 9d dieses Schuljahr ausgerüstet mit einer Kamera losgezogen und hat überlegt: Wie weit müssen wir heran zoomen, damit aus einer Totalen eine Halbtotale wird? Dürfen wir bei Halbnah die Füße abschneiden oder ist das dann schon Amerikanisch? Und wer traut sich, im Detail aufgenommen zu werden? Die Bilder wurden anschließend im Klassenzimmer aufgehängt, dienten als Hilfestellung für weitere Analysen und halfen oftmals der Antwortfindung auf die Frage: Welchen Effekt erzielt eine bestimmte Darstellungsform? Da genügte oft schon ein schneller Blick auf die Bildergalerie. Und ganz unabhängig von aller medialer Kompetenz und kritischer Reflexion, ob nun Kameraeinstellung Detail oder Totale: Gerade das Kopfeinschalten hat bei der Arbeit mit Filmen sehr viel Spaß gemacht!

Text und Photos: Claudia Gschweng