Schülerbegegnungsseminar Thüringen (24.-27.1. 2012)

 

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Obwohl die DDR am 3. Oktober 1990 der Bundesrepublik Deutschland beitrat und damit die lang ersehnte Einheit vollzogen wurde, lebt die Teilung mehr als 20 Jahre danach weiter fort. Auf die Frage hin, ob die DDR überwiegend gute Seiten besessen habe, ergeben sich laut aktuellen Umfragen unter deutschen Schülern signifikante Wahrnehmungsunterschiede: Schüler aus den neuen Bundesländern besitzen ein insgesamt positiveres Bild von der DDR als ihre westdeutschen Altersgenossen.

Um die deutsche Einheit aktiv weiter zu vertiefen, begaben sich daher 11 bayerische Schülerinnen und Schüler des Graf-Rasso-Gymnasiums auf eine Reise in die entlegene Rhön, wo sie mit zusammen mit Schülern aus Zeulenroda (Thüringen) vom 24.-27. Januar 2012 an einem Schülerbegegnungsseminar in Geisa teilnahmen. Der Ort war bewusst gewählt: Geisa zählte in DDR-Zeiten zum Sperrgebiet, die in Sichtweite gelegene ehemalige innerdeutsche Grenze bildete den westlichsten Punkt des Warschauer Paktes, hier errichteten die Amerikaner „Point Alpha“, ein US-Camp.

hillmer-vortrag

Noch am Anreisetag erwartete die Schüler ein engagiertes und anspruchsvolles Programm. Uwe Hillmer von der Freien Universität Berlin und dem Forschungsverbund zum SED-Staat vermittelte einen Überblick zur Geschichte, vor allem aber zur inneren Logik und Funktionsweise der DDR. Hierbei kamen unter anderem Kontinuitäten zur Sprache, die sich aus strukturellen Ähnlichkeiten der NS- und SED-Diktatur ergaben. Neben einer anhaltenden Autoritätsgläubigkeit und der klaren Orientierung an der Hitler-Jugend beim Aufbau der FDJ ist vor allem das Ziel einer „Erziehungsdiktatur“ zu nennen. Dass der Staat beispielsweise über Aktionen mit dem Decknamen „Ungeziefer“ auch gewaltsam unliebsame Bürger aus dem Sperrgebiet entfernte, muss nicht eigens erwähnt werden.

hillmer grundwissen geschichte

In einem zweiten Vortrag besprach die deutsch-deutsche Gruppe Kriterien einer Demokratie und befasste sich vor diesem Hintergrund mit dem seit den 70er Jahren unter Erich Honecker weiter ausgebauten Sicherheitsapparat der DDR. Das Studium von Parteiakten habe gezeigt, dass vielen DDR-Bürgern die akribischen Bemühungen der Staatssicherheit (Stasi) sowie die Einflussnahme auf Lebensläufe (wie Karriereangebote) unbekannt geblieben sind. Auch diese Tatsache mag zu einem verfälschenden Geschichtsbild beitragen, da an den Familientischen tradiert wird.

Auf Grundlage der beschriebenen Einführung und Wiederholung des historischen Hintergrunds fanden die beiden Schülergruppen vor allem gegen Abend Zeit, miteinander ungezwungen ins Gespräch zu kommen. Anfangs dienten unter anderem DDR-Witze dazu, thematische Verbindungen zu knüpfen und vorhandene dialektale Unterschiede zu überwinden („Ein Trabi- und ein Porschefahrer…“; „Honecker und Chruschtschow sind zu Besuch im Weißen Haus…“) oder zumindest zu thematisieren.

Ein dritter Vortrag der Thüringer Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstse, H. Neubert, räumte unter anderem mit dem Mythos der Stasi auf, bei der es sich keineswegs um einen Staat im Staate gehandelt habe, da sie der SED unterstand. Die Geheimpolizei wurde in der DDR auch selbst exekutiv wirksam (Stasi-Gefängnisse), ihr Ziel war eine möglichst hohe Durchdringung der Bevölkerung im Verhältnis von 1:189, für die auch Schüler ab 14 Jahren angeworben wurden.

In Form eines Zwiegesprächs beleuchteten T. Sello (Robert-Havemann-Gesellschaft) und Zeitzeugin D. Liebermann auf anschauliche Weise Aktionen der DDR-Jugendopposition, vornehmlich der Jungen Gemeinde Jena Mitte 1976, die über Unterschriftensammlungen eine Verfolgung provozierten. Teilweise kuriose Einzelaktionen und die Causa Biermann warfen aus einer anderen Perspektive ein Licht auf das repressive DDR-Regime. Den Beschluss des Tages bildete ein Gespräch mit dem Bürgermeister der Stadt Geisa. In lockerer Atmosphäre ergab sich die Möglichkeit, mehr über die Entwicklung der einstigen Grenzstadt zu erfahren, zugleich jedoch einen Einblick in die Tätigkeiten eines Bürgermeisters zu erhalten.

grenze rekonstruktion

Eine gelungene Abwechslung stellte die Begehung der ehemaligen Grenze am Donnerstag dar, die von M. Kirsten, dem Sachgebietsleiter der Regionalentwicklung des Wartburgkreises, geleitet wurde. Etwa 40 Jahre lang ermöglichte der „antifaschistische Schutzwall“, insbesondere das Gebiet zwischen der Landesgrenze und dem Kolonnenweg, eine nahezu ungestörte Entwicklung der Natur. Die Idee, diesen Raum als „Grünes Band“ zu erhalten, ist seit 2009 gesetzlich gesichert. Nach einem Mittagessen im ehemaligen US-Camp klärte ein Rundgang die militärisch-strategische Bedeutung des „Point Alpha“ für die hier stationierten US-Amerikaner. Im Falle eines Krieges, hatte man an dieser Stelle mit einem Überschreiten der Grenze durch die Sowjetarmee gerechnet.

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Erfrischt widmeten sich die beiden Gruppen nach ihrer Rückkehr einem Planspiel, das den Blick nun auf die Zukunft Deutschlands richtete. Tatsächlich ist die Zukunft des vereinten Landes nun zunehmend im europäischen Rahmen zu betrachten. Ziel war es daher, in einige zentrale europäische Institutionen einzuführen und entscheidende Prozesse kennenzulernen. Nach der Übernahme verschiedener Rollen (z.B. EU-Ratspräsident, Italien) wurde versucht, einen Konsens am Beispiel energiebezogener Entscheidungen zu finden. Ein gemeinsames Urteil konnte zwar nicht gefunden werden, umso eindrücklicher empfand man die Schwierigkeit, sich zwischenstaatlich trotz unterschiedlichster Ausgangslagen und Interessen zu einigen.

Auch unter den Schülergruppen kam es während des Seminars nach anfänglich distanziertem Herantasten zu Gesprächen und gemeinsamen Aktionen. Es bleibt zu hoffen, dass entstandene Kontakte weiterbestehen, auch wenn es sich zunächst lediglich um einen neuen Facebook-Kontakt handelt.

Text und Photos: M. Schulze