Begeisterter Applaus am Unterrichtende am Graf-Rasso-Gymnasium – ohne einen Ton

Freitag, sechste Stunde. Der Schulgong läutet das Wochenende ein. Doch die Mädels und Buben der 7. Klasse stürmen nicht sofort aus dem Klassenzimmer. Begeistert haben sie die vergangenen 45 Minuten die Ausführungen von Oliver Gnam verfolgt, der Ihnen aus seinem Leben ohne Töne, Lärm und Musik berichtet hat – mit seinen Händen. Denn Oliver ist von Geburt an gehörlos. Im Rahmen des alljährlichen Projekttages zum Thema „Leben mit Behinderungen“ hat er mit Hilfe von zwei sehr engagierten Simultandolmetscherinnen fünf Unterrichtsstunden lang den Schülern der 7. Jahrgangsstufe aus seinem Leben berichtet. Jede Frage wurde geduldig beantwortet und seine Ungezwungenheit nimmt den Schülern schnell die Hemmung. So sieht er es durchaus als Vorteil, sich mit Freunden auch über größere Entfernungen oder durch geschlossene Fenster unterhalten zu können, berichtet aber auch über Probleme, z.B. wenn es in der S-Bahn Durchsagen zu Störungen gibt, die er erst anhand der Reaktion der Mitreisenden und durch „Nachfragen“ mit Hilfe des Smartphones erfährt.

In den Stunden zuvor hatten die Schüler des Weiteren Gelegenheit, sich erklären zu lassen, wie man sich blind durch den Alltag bewegt, welche Hilfsmittel nützlich sind und warum nicht jeder Blinde einen Blindenhund hat. Wie schaffe ich es zwei gleichfarbige Socken anzuziehen, wenn ich die Farbe nicht sehe und wie sieht mein Name in Brailleschrift aus? Was bedeutet der Begriff „Gewitter im Kopf“ bei einem autistischen Kind und warum ist es für diese Kinder so schwer, sich in eine Gruppe zu integrieren. Welche Hemmungen gibt es in der Gesellschaft gegenüber Behinderten und wie kann man diese abbauen?

Hemmschwellen- in der Realität und in den Köpfen der „Normalen“ – der Sehenden und Hörenden, der „Fußgänger“ – die spricht auch Margid Quell, die mehrfache Paralympics Siegerin aus Mammendorf, an, als sie die Schüler am ersten Projekttag zwei Tage zuvor begrüßt und auf eine Sportstunde im Rollstuhl einstimmt. Dank der großzügigen Unterstützung der Firma Streifeneder und den von Frau Quell und ihren Mitstreitern, den drei Rollstuhlbasketballern des USC München, mitgebrachten Sportrollstühlen können fast 20 Schüler gleichzeitig durch den aufgebauten Parcours um die Wette rollen. Später wird das Passen im Sitzen und der schnelle Positionswechsel mit dem Rollstuhl trainiert. Gar nicht so einfach, die, von den Sportlern liebevoll „Oma – und Opa Rollstuhl“ genannten, Gefährte zügig zu bewegen um rechtzeitig wieder in der Reihe zu stehen. Am Ende jeder 90 Minuten Einheit wird dann noch mit Engagement und Leidenschaft gespielt unter kräftiger Anfeuerung der Außenstehenden. Jeder kommt dran und zwei Tage später sind die beanspruchten Hand- und Armmuskeln noch gut zu spüren.

Der Elternbeirat des Graf-Rasso-Gymnasiums ist sich sicher, dass die Schüler der diesjährigen 7. Klasse zukünftig anders reagieren, wenn sie auf Menschen treffen, die anders als sie sind, egal, ob sie im Rollstuhl sitzen, mit dem Blindenstock unterwegs sind, mit den Händen sprechen oder einen Satz hunderte Mal wiederholen. Dank der vielfältigen Unterstützung, vor allem durch die tollen Referenten, die finanziellen Zuschüsse durch die Hans-Kiener-Stiftung Fürstenfeldbruck und den Förderverein des Graf-Rasso-Gymnasiums, der Leihrollstühle der Firma Streifeneder und natürlich dem Engagement der beteiligten Eltern, Lehrer und Hausmeister waren auch die diesjährigen Projekttage ein voller Erfolg und die Fortsetzung im nächsten Jahr wird natürlich bereits geplant.

(Grit Ullmann/Elternbeirat des Graf-Rasso-Gymnasiums)

Basketballspieler mit und ohne Rollstuhl im Kreis

Basketballspieler im Rollstuhl

Material

Vortrag zu Sehbehinderung im Klassenzimmer

Schüler mit verbundenen Augen

Schüler mit verbundenen Augen

Gebärdensprache