„Heute gibt es Fisch!“

Diese Aussage entlockt manch einem Kind schon am heimischen Mittagstisch keine Begeisterungsstürme. Aber im Biologieunterricht?
Die nette Besitzerin der Fischzucht verabredet sich mit mir an ihrem Ruhetag um halb acht in der Früh um Forellen zu fischen. Die Gründe für unseren frühen Fang sind mehrere: meine persönlichen sind rein wissenschaftlicher Natur. Das Innenleben eines Fisches nimmt im Laufe der Zeit einen einheitlichen grau-rosa-Ton an, was die Identifizierung der Einzelteile schwierig macht. Aus Schülersicht ist die fehlende Geruchsbelästigung bei frischen Fischen wohl der entscheidendere Vorteil.
Voller Begeisterung betrete ich mit sieben Forellen im Schlepptau den Unterricht meiner 6. Klasse ….. und bin zum Glück nicht ganz die Einzige, die sich freut. Während sich die einen regelrecht auf ihre Forelle stürzen, halten andere lieber einen gewissen Sicherheitsabstand und lassen ihre Teammitglieder arbeiten. Aber genau dafür ist ein Team ja auch da.
Wir tasten uns langsam an den Fisch heran. Zunächst wird äußerlich untersucht, mit Lupen die Schuppen betrachtet, der Fisch über seine schleimige Haut gestreichelt und vorsichtig der Kiemendeckel angehoben, um einen Blick auf das Atmungsorgan zu werfen. Die ersten Mutigen wagen einen Blick durchs Maul – direkt wieder aus dem geöffneten Kiemendeckel heraus. „So also fließt das Wasser und damit der Atemstrom beim Fisch!“, ein erstes Aha-Erlebnis. Wer sich traut, fasst seiner Forelle vorsichtig ins Maul und ist regelrecht verwundert, wie spitz die fast unsichtbaren Zähnchen des Raubfisches am Maul und auf der Zunge sind.
Dann geht es daran die inneren Organe zu untersuchen. Den glitschigen Fisch festzuhalten und gleichzeitig durch das feste Fleisch an der Bauchseite zu schneiden geht nur, wenn man beherzt zugreift. Der Großteil der Schüler bewerkstelligt diese Aufgabe ohne Probleme, manche benötigen ein wenig Hilfe. Und als die Forelle dann halbseitig geöffnet vor einem liegt, ist es für die meisten Schüler gar nicht mehr so schlimm wie erwartet. In mir unterdessen kommt wieder die Naturwissenschaftler-Seele zum Vorschein: wunderschön liegt die fein geäderte Schwimmblase vor mir, die Leber, der Darm und die Eierstöcke lassen sich perfekt erkennen, ich bin begeistert! Und auch bei einigen Schülern kommt der Naturwissenschaftler und die Begeisterung durch. Das erkennt man nicht zuletzt daran, dass nach dem Erledigen aller gestellter Aufgaben mehrere Gruppen auch noch das Gehirn und die Linse des Auges präparieren. Am Ende der Stunde kommen alle Innereien in den Müll und die ordentlich abgewaschenen Forellen in den Kühlschrank, um am Abend ein paar Schüler noch geschmacklich zu erfreuen.
Und das Fazit? Auch nach dieser Unterrichtstunde werden nicht alle Schüler in Begeisterungsstürme ausbrechen, wenn es heißt: „Heute gibt es Fisch!“ Aber vielleicht eben doch ein paar mehr.

Nina Ostermeier